Die Walküre / Wiesbaden (15.1.2017)

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  • January 16, 2017

Nach einem desolaten “Rheingold” vor sechs Wochen hatte ich die Erwartungen gezielt gesenkt, zu billig, blass und blöde wirkte der Vorabend der Tetralogie auf mich. Und mit einer ordentlichen Portion Zweckpessimismus (mit dem Schlimmsten rechnen und sich über alles, was besser ist, freuen) war die Premiere der “Walküre” sogar verkraftbar, phasenweise sogar akzeptabel.

Nur dass keine Missverständnisse aufkommen: Intendant und Regisseur Uwe Eric  Laufenberg hat in den sechs Wochen nicht plötzlich gelernt, wie man eine ausgefeilte Personenregie erstellt und umsetzt. Weit gefehlt – erneut flüchtet er sich in überflüssige und oftmals peinlich anmutende Überaktivität, lässt Statisten mehr Bewegung auf die Bühne bringen als die eigentlichen Protagonisten. So sehen wir in Akt I einen Gasthof mit zwei weiteren Angestellten (?), im zweiten Akt dann Generäle, ein Mädchen und – und hier wird es besonders peinlich – freizügig bekleidete Helden und  “Wunschmädchen” in softpornöser Aktion, die auf Siegmund in Walhall erwarten. Und natürlich vergewaltigen Hunding Männer Sieglinde ehe der Zwillingsbruder das Zeitliche segnet. Selbst vor Wotans Abschied lässt Laufenberg die – übrigend nicht immer homogen singenden – Walküren erneut mit einer überaus billig anmutenden Statue auftreten, in deren Rumpf Brünnhilde dann verschlossen wird. Es scheint zunehmend so, als ob die Statisten eigentlich eher Umbaufunktionen wahrnehmen und Leerlaufüberbrücker sein müssen als sinnvoller, integraler Bestandteil der Inszenierung zu sein. Dazu kommen immer wieder bühnenlogische Fehlleistungen, die zunehmend nerven: anfangs kann Siegmund Brünnhilde im ersten Akt nicht erkennen obwohl sie vor ihm steht, später versteckt sie sich vor ihm hinter der Esche: ist sie jetzt also unsichtbar oder nicht ? Wie soll Siegmund Nothung erkennen, wenn es vollumfänglich von einem roten Mantel verhängt wurde ? Welchen Grund hat es, dass die bereits erwähnte Statue mit der verschlossenen Brünnhilde am Ende auf einem erleuchteten Großstadtboulevard (Broadway ?) steht – außer dass es eben schön ausschauen würde, sähen die Projektionen nicht derart billig aus ? Das alles wäre verzeihbar, wenn irgendwie sonst auch so etwas wie eine Geschichte erzählt werden würde. Nur überlagert hier die Hyperaktivität des Regisseurs (ADHS ?)  rücksichtslos das restliche Bühnengeschehen.

Die erfahreneren Gäste während der Maifestspiele werden bestimmt weniger Probleme haben, dem Laufenbergschen Mummenschanz zu trotzen – die eher unbefleckte Premierenbesetzung hat da ihre liebe Not, sich zu behaupten. Das ist doppelt schade, denn Richard Furman ist ein sympathischer, umgewohnt hell timbrierter Siegmund, was nicht jedem gefallen muss. Die etwas kreative Verwendung der bestimmten Artikel und der amerikanische Akzent sollte verbessert werden, aber ungeachtet dessen handelt es sich um ein gelungenes Rollendebüt. Seiner Schwester leiht Sabine Cvilak einen warmen, kräftigen Sopran, der rhythmisch aber schwer ins Schleudern gerät, vor allem bei “der Männer Sippe” regelmäßig zu früh  einsetzend. Young Doo Park kann dem Hundig keine besondere Note verleihen. Bei den Göttern beeindruckt vor allem Margarete Joswig mit einer fast zu noblen, äußerst kontrollierten Fricka, die aber perfekt auf Linie gesungen wird. Ihr Gatte hat wie schon im “Rheingold” Höhen-, und gen Ende auch Konditionsprobleme. Das Timbre ist nicht einmal uninteressant, aber Gerd Grochowski macht zu wenig mit  der Stimme, um die zahlreichen Facetten deutlich werden zu lassen. Sonja Gornik fängt mit Hojotohos an, die ich fast als zu hoch empfunden habe, und drückt schwer auf die Tube. Das bekommt ihr nicht sonderlich – zu hart klingt sie, auch in der Todeverkündigung. Im dritten Akt ist es hingegen so, als hätte sich ein Schalter umgelegt: plötzlich beeindruckt und berührt da eine lyrisch gebliebene Stimme. Respekt!

Auch das Dirigat von Alexander Joel steigert sich: anfangs solide begleitend, am Ende dann zu großer Form auflaufend. Warum nicht gleich so ?

Fazit: ein Ring mit szenischen Schwächen. Aber ein Ring, den Teile des bornierten Publikums sich redlich verdient haben. Wo sonst bekommt ein Pferd (Walkürenritt) mehrfach Szenenapplaus, wo sonst klatscht man schon zehn Sekunden vor Aktschluss und klatscht unbeirrt weiter, ganz egal, wie deutlich das angereiste Wagner-Publikum zischt ?

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