Tosca / Karlsruhe (13.1.2017)

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  • January 13, 2017

Da soll mal einer sagen, man könne das Badische Staatstheater nicht voll bekommen. Da spielt man eine ziemlich altbekannte “Tosca” mit altbekannten Sängern – und die Bude tobt. Woran liegt das ?

Zum einen an der Inszenierung von John Dew. Man kann hier noch erahnen, warum Dew einmal als innovativer, gegen den Strich bürstender Regisseur gehandelt wurde, ehe er am Alterswohnsitz unrettbar ins Sentimental-Harmlose abglitt. Auf den ersten Blick eine durchaus klassische “Tosca” – allerdings eine “Tosca”, die dennoch mit vielen Gewohnheiten bricht und exzessive Lust an Theatralik beweist. Allein die Schüsse zu Beginn haben das Publikum immer wieder von Anfang an gefesselt….

Zum anderen sind das natürlich auch die hervorragenden Sänger. Punkt. Daniele Squeos Dirigat fällt angesichts der vokalen Höchstleistungen fast ein wenig ab – denn ist es routiniert im besten Sinn. Jaco Venter genießt jeden Moment als sadistischer Kardinal, dass es manchmal fast zu viel wird. Sein bärbeißiger Bariton unterstreicht die Unberechenbarkeit seines Charakters umso mehr. Erneut stand Rodrigo Porras Garulo in der Rolle des Cavarodissi auf der Bühne. Der Mexikaner zeigte sich mittlerweile deutlich sicherer in der Produktion als noch vor zwei Monaten und legt hörbar mehr Wert auf die Gestaltung seines Textes. Mag seine Atemtechnik auch weiterhin etwas knapp angebunden sein, so hindert dies ihn nicht an sicheren “Vittoria”-Rufen und einem intensiven, unter die Haut gehenden “E luccevan le stelle”. Bravo !  Und somit bietet er der Hausprimadonna Barbara Dobrzanska einen würdigen Partner. Wer Frau Dobrzanska in den letzten Jahren in großen Rollen hören wollte, musste sich ja bedauerlicherweise durch großen Unsinn in szenischer Hinsicht quälen. Und so kam es mir bei dem ersten Wiederhören, einem Jahr nach dem “Macbeth”-Debakel, so vor, als würde ich die Stimme erneut entdecken und mich umrauschen lassen von dieser unfassbaren Mischung aus Wärme und Kraft. Selbst wenn Dobrzanska nicht singt, sondern spricht, beweist sie die Größe einer Darstellerin von Welt; mit ihren Tönen – allen voran dem beklemmenden “Vissi d’arte” –  belegt sie die Existenz irgendeiner metaphysischen Macht. So überirdisch-perfekt muss man erst mal eine Tosca zum Besten geben, da könnte so manches große Haus sich eine Scheibe von einem solchen Kunstverständnis abschneiden ! Bravissima e grazie !

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2 Comments

  • Honigsammler says:

    Bald 17 Jahre alt ist Dews Tosca und sie funktioniert noch immer. Bei der Premiere 2000 gab es einige Buhs, die heute kaum nachvollziehbar erscheinen.
    Ich schaffe es leider erst in die letzte Vorstellung im Mai, aber Ihr Bericht steigert gerade schon meine Vorfreude und Ungeduld.
    Übrigens: Dobrzanska kam (wenn ich mich gerade richtig erinnere) 2002 nach Karlsruhe. Sie erreicht also (wie auch Schlingensiepen) in diesem Jahr die 15-Jahre-Grenze im öffentlichen Dienst. Nach 15 Jahren ist man m.W. unkündbar (Tiny Peters, Edward Gauntt, Klaus Scheider, Konstantin Gorny, Ewa Wolak sind dafür Beispiele). Mal schauen, wie es mit den beiden Sängerinnen in Karlsruhe weiter geht und ob sie bleiben. Für Dobrzanska gäbe es nur erneut die Amelia in Simone Boccanegra, für Schlingensiepen könnte es Anna Bolena werden.

    • admin says:

      Ich nehme an, die Buhs bezogen sich auf die unzweideutige Kritik an der katholischen Kirche. Und ja, es wäre schön, wenn Dobrzanska und Schlingensiepen blieben – und ich glaube auch, dass es so kommt. Denn es gibt mittlerweile wohl juristische Mittel und Wege, die von Ihnen genannten 15 Jahre zu “umgehen” ohne dass es zur Unkündbarkeit kommt… Leider ist “Simone Boccanegra” so gar nicht mein Fall.