Don Giovanni / Wien (17.12.2016)

  • 0
  • December 18, 2016

Wenn ein Intendant im Laufe eines Abends zweimal vor den Vorhang treten muss, bedeutet dies in der Regel nichts Gutes. Genau dies musste Roland Geyer bei der dritten Aufführung des “Don Giovanni” tun….

Beim ersten Erscheinen verkündete Geyer, dass Jonathan Lemalu, Sänger des Leporello indisponiert, von einem Arzt aber “gesund gespritzt” worden sei. Und so klang Lemalu dann auch: etwas wattig, in der höhe dünn, aber darstellerisch durchaus präsent. Sein Leoprello ist kein Diener, der es am liebsten seinem Herrn gleichtun möchte, sondern ein bärbeißiger Hotelportier, der schon am Anfang die Faxen ziemlich dicke mit dem Luxusgast hat. Womöglich hatte es der Arzt ein wenig zu gut mit Lemalu gemeint, denn der Neuseeländer schob den mit Koffern voll bepackte Portiertrolley bei der Registerarie  etwas zu kraftvoll an, so dass dieser im Orchestergraben landete. Verletzte gab es glücklicherweise nicht, der Paukist kam mit dem Schrecken davon. Und so gab Herr Geyer seinen zweiten Auftritt – allerdings konnte die Vorstellung nach zehnminütiger Unterbrechung fortgesetzt werden. Es spricht für das Mozarteumorchester und dessen ehemaligen Leiter Ivor Bolton, dass auch danach auf höchstem Niveau weiter musiziert wurde. Eine wirklich packende, theatralische Umsetzung der Partitur, in welcher die dramatisch-abgründige Seite weit mehr als die heitere betont wurde – aber das passte durchaus zur Wahl der Wiener Fassung….

Keith Warners neu einstudierte Inszenierung verlegt die Handlung also in ein Hotel. Das ist nichts Neues, Bechtolf hatte dies letzten Sommer in Salzburg getan – aber während man dort im holzvertäfelten Ambiente jederzeit auftretende SA-Schergen im Ledermantel vermuten musste, sehen wir hier ein Art déco-Ambiente in einem weitaus flexibleren Bühnenbild, das durch wenige Schiebewände Aufzüge Hotelzimmer -und gänge, Ballsäle, Kofferzentrale und Portierschalter gekonnt simulieren und das Tempo aufrecht erhalten kann. Warum Don Ottavio als Priester auftrat und Giovanni, Leporello und Elvira beim “letzten Abendmahle” spürbar gealtert auftraten, muss man – glaube ich – nicht verstehen.

Endlich war die Donna Elvira wieder mal von einem Mezzo besetzt – da verzeiht man Jennifer Larmore auch mal die eine oder andere Schärfe in der Höhe, zumal sie ja rollendeckend ist.  Jane Archibalds Donna Anna fesselt mit einem vehement vorgetragenen “Or sai chi l`onore”, offenbart aber bei der zweiten Arie ebenfalls kleinere Schwächen in der Höhe. Die eigentliche weibliche Hauptperson wurde somit die Zerlina von Mari Eriksmoen. Eigentlich kann ich dieser Partie wenig abgewinnen, aber mit welcher Frische die Norwegerin sich die Partie zu eigen macht, das beweist große Klasse. Auch darstellerisch beweist sie Sinn für Situationskomik – während sie in ihrer “Batti, batti”-Arie auf dem Schoß Masettos liegt und eigentlich eine kleine SM-Nummer schieben möchte, würde ihr devoter Verlobter eigentlich viel lieber ihre Stilettos lecken…. Zum Schießen ! Dass Tareq Nazmi am Anfang etwas schief intoniert, vergisst man da gerne. In der Rolle des Don Ottavio war Martin Mitterutzner wieder fit – da bedauert man angesichts des mittlerweile etwas dunkleren Tenors (jedenfalls im Vergleich zu Frankfurter Zeiten) dann doch ganz kurz, dass fassungsbedingt kein “Il mio tesoro” zu hören ist, zumal das Duett Zerlina/Leporello auch nicht unbedingt der große Knaller ist.  Etwas ratlos ließ mich Nathan Gunn in der Titelpartie zurück. Klar, er sieht fesch aus, aber die Faszination der “bestraften Lüstlings” vermittelt er nur ansatzweise. Rein sängerisch ist auch hier kein Ausfall zu vernehmen, aber falls ich in Wien lebte, würde ich mir das Geld eher für die Vorstellungen mit Schrott aufbewahren. Und so erzielt auch bei den Männern ungewohnterweise der stimmgewaltige Komtur von Lars Woldt eine besonders nachhaltige Wirkung.

Share Button
(Visited 98 times, 1 visits today)