Adriano in Siria / Wien (16.12.2016)

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  • December 18, 2016

Das waren noch Zeiten, als sich in Syrien Parther und Römer gegenüberstanden. Das heutige Syrien mit IS, Rebellen und Assad hätte eine verkrampfte Steilvorlage für jeden Regisseur gegeben – und so ist man froh, dass die royale Seifenoper aus der Feder Pergolesis nur konzertant dargeboten wurde. Schade, dass das Theater an der Wien sich die Übertitel sparte und das Verständnis der Handlung somit unnötig erschwerte. Spätestens nach einer halben Stunde hatten die meisten Zuschauer das Programmheft (inklusive Libretto) zur Seite gelegt und lauschten einer bemerkenswerten musikalischen Darbietung. Wie schon bei den vorherigen Barockprojekten zu beobachten war, legen die Sänger nach der Einspielung der CD noch eine ordentliche Schippe drauf. Selbst wer sich also per CD auf den Abend vorbereitet hatte, konnte eine in vielerlei Hinsicht gereifte Performance erleben.

Die Titelpartie ist merkwürdigerweise die unscheinbarste. Daran hat Yuriy Mynenko am wenigsten Schuld. Sein Countertenor ist kräftiger geworden, ohne an Weiche und Sanftmut zu verlieren. Die Sopranistin Cigdem Soyarslan steht in der Hosenrolle des Aquilio ebenfalls ihren/seinen Mann. Wie bei so vielen Barockopern gibt es auch hier zwei Damen, die von zwei Herren begehrt werden. Die Partherprinzessin Emirena besitzt einen herben, nicht besonders spannenden Mezzosopran und kann mit ihrer amourösen Konkurrentin nicht wirklich mithalten. Kein Ausfall, gewiss nicht, aber ebenfalls auch kein Wow-Effekt. Ihren Vater gibt das tenorale Faktotum der Parnassus-Agentur, Juan Sancho. Der junge Tenor braucht die ersten Arien, um sich sicher genug zu fühlen, um dann in seiner Tiger-Arie alle Kraft gekonnt zu mobilisieren. Die Verlobte des Hadrian, Sabina, gibt die ebenfalls junge Dilyara Idrisova – ein wahre Entdeckung. Ihr “Splenda per  voi sereno” meistert sie absurd anmutende Intervalle mit gekonnter Technik und  stets warmer Tongebung. Da würde ich in Zukunft gerne mehr von ihr hören.

Dass der eigentliche Star des Abends Franco Fagioli sein würde, war eigentlich von Anfang an klar. Und wem es nicht klar war, der hat es spätestens nach seiner ersten Arie gemerkt, als man sich nach dem A-Teil insgeheim fragen musste, wie er das im da capo-Teil noch toppen könne. Dass er es toppen kann, kam für die weit angereisten Fagiolisti keiner Überraschung gleich. Auch in seiner Andante-Arie, ein dreizehnminütiges Stehenbleiben der Zeit mit obligater Oboe, verzaubert Fagioli mit weichem, ausgeglichenem Timbre. Eine makellose Darbietung, dass selbst noch während des Pausenumtrunks im Foyer überwiegend andächtige Stille dominierte. Was dann jedoch im zweiten Akt zu hören war, das toppt so ziemlich alles, was ich von Fagioli gehört habe. Mit einem derart exponierten Hochton straft er all jene Skeptiker Lügen, die schon gemutmaßt hatten,  der Argentinier verlege sich mittlerweile aufgrund vermeintlich fehlender Höhe auf Rossini-Partien. Das hohe es der Callas in der “Aida” in Mexico City 1954 fand hier sein barockes Pendant.

Bei aller Begeisterung darf die Leistung der Capella Cracoviensis unter der Leitung von Jan Tomasz Adamus nicht vergessen werden. Die Solo-Oboe wurde ja bereits erwähnt, aber auch die Naturhörner verwöhnten das Ohr im gleichen Maße wie die Streicher und das luftige Holz.

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