Die Walküre / Karlsruhe (11.12.2016)

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  • December 11, 2016

So, das war sie nun, die Premiere der “Walküre”. Nachdem David Hermann im Vorabend (“Rheingold“) zu viel auf einmal wollte, durfte Yuval Sharon den ersten Abend in Szene setzen. Die Erwartungen, die er mit seinem genialen, da bildmächtigen “Doctor Atomic” an selber Stelle vor ein paar Jahren geweckt hatte, konnten bedauerlicherweise nicht erfüllt werden.

Im ersten Akt spielt sich die Handlung ausschließlich auf der Vorderbühne ab, ein verschiebbare Türwand dient als Projektionsfläche, Leinwand, Auf- und Abgangsweg oder als Sitzfläche für drei Solobläser. Sharon zeigt mit viel Poesie, wie sehr dieses Zusammentreffen der beiden Wälsungen arrangiert ist. Schatten erscheinen und verschwinden, Schnee wirbelt, eine kleine Sieglinde auf Siegmund sitzend, hält am Ende Nothung in den Händen, das der in personam erscheinende Wotan “in der Esche Stamm” stößt. Bei all der dekorativen Magie vergisst Sharon ein wenig zu sehr die Personenführung. So singt Siegmund sein “Friedmund darf ich nicht heißen” überwiegend an sich selbst gerichtet, ohne Anspielpartner auf der Bühne. Von Erotik, gar Tabubruch ist zwischen den beiden Geschwistern wenig zu spüren. Hätte Thomas Mann diesen ersten Akt gesehen, sein “Wälsungenblut” hätte nie das Licht der Welt erblickt.

Im zweiten Akt sehen wir eine Art Rolltreppe in Weiß vor goldenem Hintergrund. Wie bereits die Türwand aus dem vorherigen Akt bewegt sich diese immer wieder und zeigt, dass Wotan letztlich auch nichts weiter als ein Gejagter, ein Getriebener seiner eigenen Pläne ist. Ein kluger Gedanke, aus dem Sharon dann jedoch viel zu wenig macht. Fricka, Brünnhilde und Wotan marschieren auf der Treppe auf und ab, kommen aber kaum ins eigentliche Gespräch. Sharon fehlen nun die Türen, um die lange Zeit sinnvoll zu füllen und lässt allen Ernstes den Obergott (in einer Art Science-Fiction-Kostüm gekleidet) den ersten Teil der Wotanerzählung aus dem Off singen  während sein Gesicht live dazugeschaltet und vergrößert auf die Goldfläche projiziert wird. Erst mit Siegmunds Tod kommt plötzlich Tempo auf, fügen sich Bühne und Geschehen zu einem Ganzen. Dann ist allerdings Pause und der kurze Aufschwung endet so jäh wie er begonnen hatte.

Erst im dritten Akt nutzt Sharon die gesamte Bühnentiefe und zeigt eine Art Eiswüste, in der die Walküren (furiose Frauenpower !) mit Fallschirm landen – leider auch hier in den ersten Minuten mittels Videoeinspielung gezeigt und aus dem Off gesungen. Nun gibt es eine klassisch-dekorative wie solide Inszenierung zu sehen, die erst am Ende wieder stutzen lässt, als die Wotanstochter vom Vater im Eisblock (Bofrost-Brünnhilde) zurückgelassen wird. In der Kombination mit dem Feuerzauber entsteht ein sehr ästhetisches Bild, das ein wenig mit relativen Konzeptlosigkeit versöhnt. Aber eben nur ein wenig.

Dabei hatte Justin Brown drei Akte lang Wagner vom Feinsten zelebriert. Die Streicher klingen warm und energisch, das Holz ist mit einer herzzerreißenden Melancholie ausgestattet und das Schlagwerk heizt ordentlich ein. Einzig die Blechbläser bleiben ein wenig hinter der hohen Qualität ihrer Kollegen zurück.

Dass die Bühne überwiegend nach hinten geschlossen ist, dürfte den Sängern bestimmt nicht missfallen haben. Daher hatte keiner der Vertreter der sechs Hauptpartien Probleme mit der Kondition – und dennoch war der Abend alles andere als ein Sängerfest. Avtandil Kaspeli (Hunding) und Ewa Wolak (Fricka) geben ziemlich pauschale Rollenporträts ab, aber in aller Fairness sei gesagt, dass Wagner sie auch nicht gerade mit viel Sympathie zeichnete. Es hätte da schon herausragender Sänger bedurft, um hier in die charakterlichen (Un-)Tiefen einzutauchen. Dennoch begeistert Wolak mit einer sattelfesten Höhe – merkwürdig, dass sie als Alt mit der Tiefe mehr Probleme hatte. Der Wotan von Renatus Meszar schwankt zwischen  Phasen monochromer Stimmgebung und dünner Höhe einerseits sowie andererseits plastischer Textgestaltung und runder Tonproduktion. Glücklicherweise überwiegen vor allem in dritten Akt letztgenanntere; der Abschied samt Feuerzauber versöhnt nicht nur in szenischer, sondern auch musikalischer Hinsicht. Mehr Fragezeichen verdient Heidi Melton als Brünnhilde – die Mittellage ist warm, weich und immer mädchenhaft-leicht: eigentlich ideal, vor allem in der Todesverkündigung. Aber sobald sie etwas höher gehen muss – und die “Walküren”-Brünnhilde” zeichnet sich wahrlich nicht durch exponierte Höhen aus – sind unangenehme, nicht zu überhörende Schärfen zu verzeichnen. Ich rede nicht von den kniffligen “Hojotohos” (die sind ordentlich), sondern Phrasen, die man von jeder Wald-und-Wiesen-Brünnhilde eigentlich ohne Probleme gehört hat (“Helden der Welt”; “freislichen Felsen” u.v.a.). Kein Totalausfall, aber ein Debüt, das bedenklich stimmt, was die Brünnhilde im anstehenden “Siegfried” betrifft.

Peter Wedds etwas greinendes Timbre ist Geschmackssache, für einen Siegmund besitzt er die passende baritonale Grundfärbung. Eher der rustikalen Fraktion angehörend, sind die “Wälse”-Rufe eher seine Stärke als die “Winterstürme”; überraschend daher umso mehr, dass sein “Zauberfest bezähmt ein Schlaf” durch eine Zartheit besticht, die vorher vermisst wurde. Sein energisch-kraftvolles Auftreten haucht dem Abend mit phasenweise konzertantem Charakter dankenswerterweise immer wieder Leben ein – da überhört man auch gerne, dass Wedd gerne mal “ü” und “u” verwechselt. Das eigentliche Ereignis für mich war dabei die Sieglinde des neuen Ensemblemitglieds Katherine Broderick. Eine Stimme, in die man sich sofort verlieben kann – mit welcher blühenden Emphase, welcher Wärme sie das “hehrste Wunder” besingt, das ist von beispielloser Schönheit. Von Höhenproblemen, wie sie Melton quälen, ist nichts zu hören. Auf ihre Adriana Lecouvreur darf man sich freuen. Sie ist die einzige, die sich mit der – zugegebenermaßen herausragenden – Besetzung der letzten “Walküre”-Premiere (Mayer, Haller, Vogt, Whisnant) messen kann.

Fazit: wer eine dekorative, gefällige “Walküre” ohne größeren Tiefgang möchte, ist in Karlsruhe bestens bedient.

P.S. Der Honigsammler sieht die Sache ähnlich: https://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2016/12/wagner-die-walkure-11122016.html

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