Hercules / Mannheim (9.12.2106)

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  • December 10, 2016

Zwischen Kriegsende und Staatengründung untersuchten die Amerikaner die politischen Einstellungen der Deutschen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, der Nationalsozialismus sei eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt wurde. Warum mir nach dem Verlassen des Mannheimer Nationaltheaters ausgerechnet diese Umfrage in den Sinn kam ? Nun….

Auch zwölf Stunden nach der bleischweren Premiere des Händel-Oratoriums bin ich mir unschlüssig, ob das Werk einfach nicht wirklich gut ist oder Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Nigel Lowery daneben gegriffen hat. Nun ist es eine Binsenweisheit, dass viele Hände-Oratorien verkappte Opern sind – allerdings haben sie doch einen anderen Aufbau, folgen anderen Regeln, besitzen eine andere musikalische Sprache. Und Herr Lowery, so scheint mir, beherrscht diese Sprache nicht wirklich. Sein Landsmann David Alden hatte in den Neunzigern an der Bayerischen Staatsoper das Barockgenre auch optisch revitalisiert: comic-lastige Kostüme, bunte Farben, viel Bewegung. Lowry versucht einen Mittelweg zwischen gediegen-statuarisch (und somit dem klerikalen Teil des Werkes verpflichtet) und bereits genannter Auffrischung. Heraus kommt dabei so etwas wie eine augenzwinkernde Betrachtung des antikisierenden Stoffes, die aber weder Fisch noch Fleisch ist, aller soliden Personenführung zum Trotz. Der Auftritt des Titelhelden – er bliebt den ganzen Abend über noch blasser als ihn das Libretto zeichnet – auf einem real existierenden Pferd weckt nach halbstündiger Larmoyanz über das vermeintliche Ableben des Helden zum ersten Mal die Lebensgeister im Publikum. Das hereingetragene Wildbret zum anschließenden Festbankett oder der Abschuss der “Beerdigungsrakete”, welche dann zum Abendstern mutiert – das ist alles nett und bleibt doch isoliert. Angesichts der grau-gotischen Optik und der mittelalterlich anmutenden Kostüme (Hercules im Richard Löwenherz-Outfit) will der Funke einfach nicht zünden.

Womöglich hätte man beherzt kürzen müssen – aber dann hätte man vom eigentlich einzig Grund, den Abend nicht schon zur Pause abzubrechen, noch weniger gehört: Bernhard Forcks musikalische Leitung überzeugt nämlich uneingeschränkt durch ein warmes, edles Klangbild, das die kirchlichen Aspekte des Stoffes mehr als die weltlichen betont. Klangschönheit pur – aber Klangschönheit für den Plattenschrank und nicht die Theaterbühne. Dafür, dass in Mannheim Barock – vielleicht mit Ausnahme des zweijährigen Mozartsommers in Schwetzingen – Entwicklungshilfepotential besitzt, eine überraschend gute Leistung. Eine Leistung, an welche die Sänger nur bedingt anknüpfen können. Ludovica Bellos Lichias bleibt blass, David Lees hadert als Herkulessohn Hyllus hörbar mit den Koloraturen. Sein Papa wird Thomas Berau, einem im Wagnerfach brillierenden Bariton gesungen, so gut es mit der kräftigen, aber relativ unflexiblen Stimme eben geht. So spannend es ist, gegen den Strich zu casten – nicht jeder Seitensprung ins andere Fach ist für Sänger wie Zuschauer gleichermaßen ersprießlich. Schade, dass Lowery auch hier nicht so recht weiß, ob Hercules nun ernst zu nehmen ist oder nicht. Die zentrale Partie der Herkulesgattin Dejanira übernimmt als Gast Mary-Ellen Nesi. Auch hier wurde ich nicht so richtig warm – die Klageklänge sind bewegend, aber das große “Where shall I fly” kommt über das Prädikat “solide” nicht heraus. Einziger Lichtblick der warme, wenn auch etwas farbarme Sopran von Eunju Kwon als Iole.

Und das ist für 190 zähe Minuten (Pause inkludiert) einfach zu wenig. Lag es also an der Produktion oder am Werk ? Das Publikum klatschte pflichtgemäß, ein zaghaftes Buh für Lowery. Eine Premiere und eine Produktion zum Abhaken.

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