Das Rheingold / Wiesbaden (3.12.2016)

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  • December 4, 2016

20. Juni 1976. Uli Hoeneß nimmt Anlauf – und schießt den Ball in den Belgrader Sternenhimmel. Eine andere, weniger drastische Analogie wollte mir auch knapp 24 Stunden nach dem Besuch des Hessischen Staatstheaters nicht einfallen – aber dieses “Rheingold”, vom Hausherren in Szene gesetzt, verlegt Belgrad nach Wiesbaden.

Ist es denn wirklich so schwer, ein “Rheingold” inszenieren ? Meine letzten zwei Produktionen (Bayreuth und Karlsruhe) waren zumindest diskutabel – ersteres gefiel mir, letzteres nicht – aber beide hatten einen Ansatz, ein “Konzept”, wenn man so will, und in beiden Fällen haben die Regisseure dieses durchgezogen. Was der mimosenhafte Monsieur Laufenberg von Linz ans eigene Haus importierte, ist bar jedes Konzeptes. Freilich, man könnte den multikulturellen Mummenschanz als Fingerzeig auf die Universalität der Handlung deuten, aber dann bliebe immer noch die Frage, um was es in der Handlung eigentlich geht. “Eigentum ist Diebstahl” – die Sentenz von Proudhon fasst den Vorabend der Tetralogie doch bestens zusammen, da gibt es kein Rätselraten wie zum Beispiel beim “Parsifal” (“Erlösung dem Erlöser”). Warum sehen wir dann Charaktere, die derart harmlos sind ? Ein Alberich (Thomas de Vries mit akzentuierter Stimmführung), dem die Regie die Gefährlichkeit und Charaktertiefe eines Räuber Hotzenplotz angedeihen lässt ? Oder einen Wotan (Gerd Grochowski mit wabernder Stimmführung, unsicherer Höhe und Textschmiss)  als gemütlich-behäbiger Märchenonkel, der sich wann irgend möglich in den Fellsessel fallen lässt ?

Überhaupt wird man aus der Kostümierung (Antje Sternberg) nicht so recht schlau.  Dass die Rheintöchter (Silvia Hauk, Martha Wryk und Katharina Konradi als stimmlich homogenes Trio) mit jeweils schwarzer, roter und goldener Haarpracht ausgestattet sind oder die Erda (Romina Boscolo mit zwei Registern) als afrikanische Wahrsagerin auftritt: kann man machen. Nur muss das die Basis für die weitere Erzählung darstellen und sich eben nicht darin erschöpfen. Und so fragt man sich gar nicht mehr, warum die männlichen Charaktere im zentralasiatischen Nomadenoutfit ziellos über die Bühne irren. Benjamin Russell (Donner) sollte man mal sagen, dass er zu “Heer”, nicht zu “hier” ruft, sein Genosse Froh (Aaron Crawley) überzeugt hingegen mit heldischer Attitüde. Young Doo Park ist als pauschal vortragender Fafner akzeptabel, der für den erkrankten Albert Pesendorfer in der Rolle des Fasolt einspringende Andreas Hörl ist ob ständiger Intonationstrübung und zittriger Höhe eine einzige Zumutung.

Die beiden Göttinnen werden in antikisierende Gewänder gepackt und – Gleichberechtigung muss sein – von der Regie im Stich gelassen. Dabei sind Margarete Joswigs Fricka und Betsy Hornes Freia in rein stimmlicher Hinsicht durchaus hörenswert. Warum Freia ständig Kinder um sich herum haben muss (als Kontrast zur kinderlosen Fricka ?), das bleibt das Geheimnis von Herrn Laufenberg – aber ich sehe nicht ein, warum ich mir mehr Gedanken um die Inszenierung machen soll als er.

Auch in optischer Hinsicht (Bühne: Gisbert Jäkel) ist dieses “Rheingold” bestenfalls Talmi – vor allem das erste Bild erinnert an jene transnistrische Tourneetruppen, welche die strukturschwachen Gebiete Deutschlands mit Operettenproduktionen beglücken. Die Personenführung ist in den besten Momenten routiniert, in den schlechten nicht-existent. In der ehelichen Auseinandersetzung zwischen Wotan und Fricka findet das eigentliche Drama auf dem zweiten Seitenrang statt, wo Spätkommer mit umgesetzten Zuschauern um den Sitzplatz streiten. Die Verwandlungsszene mit mediokren Bildschirmschonerprojektionen ist genauso stümperhaft in die Szene gesetzt wie der Auftritt Erdas von erschütternd antiklimaktischer Natur ist. Eine Aufzählung weiterer Banalitäten erspare ich mir an dieser Stelle und verweise noch auf  das Dirigat von Alexander Joel. Dieses zeichnet sich zum größten Teil durch bemerkenswerte Beiläufigkeit aus – es sei denn, das Blech patzt. (Und das tut es mehr als einmal.)

Und so bleibt als eigentlich einziger Lichtblick der quirlige Loge von Thomas Blondelle. Blondelle besitzt einen dunklen Tenor, der auf weitere Wagnerpartien neugierig macht. Klar, sein ständiges Tänzeln, Grimassieren und Chargieren geht einem am Ende auf den Keks, aber hier ist immerhin ein Sänger, der sich mit Herzblut gegen den Totalausfall der Rahmenbedingungen stemmt – und somit den Rest des Teams noch schlechter dastehen lässt, als es es eh schon war.

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One Comment

  • Dani says:

    iIh war gestern abend ebenso im Rheingold und kann alles hier unterschreiben…vollkommen überflüssige Inszenierung die in der Tat so gar keine Vorfreude auf den langen Rest macht, schade.