Tosca / Karlsruhe (13.11.2016)

  • 5
  • November 13, 2016

Intendanten kommen und gehen, Toscas bleiben. Glücklicherweise entpuppten sich die Gerüchte um die Absetzung der bildermächtigen Inszenierung von John Dew als das, was sie waren – Gerüchte. Und so hebt die mittlerweile 16 Jahre alte Produktion auch in dieser Spielzeit das szenische Durchschnittsniveau am Badischen Staatstheater. Äußerlichkeiten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die stark akklamierte Nachmittagsvorstellung  (sogar der Schließer von Wolfram Krohn bekam ein Bravo ab !) jenseits der Optik kleinere musikalische Fragezeichen hinterlässt. Daniele Squeo dirigiert zügig, mit dem nötigen Gefühl für die Dramatik des Stückes, hat bei der Agogik jedoch  immer wieder Vermittlungsprobleme beim Orchester. Gleichwohl großes Lob an die perfekte Klarinette und die Hörnergruppe in Akt III.

Viele neue Gesichter gab es in den Partien zu sehen: neben dem imposanten Angelotti von Yang Xu war man natürlich auf den neuen Cavaradossi des Mexikaners Rodrigo Porras Garulo gespannt. Das überaus ansprechende Äußere übertrifft die stimmliche Leistung: das Timbre ist warm, leicht dunkel grundiert, eigentlich eine ideale Voraussetzung für die Partie. Die Höhe war jedoch unstet und die Linienführung sehr kurz angebunden – trotz der bereits erwähnten zügigen Tempi. Bei Zeilen wie “le belle forme disciogliea dai veli”, wo man als Tenor so richtig glänzen kann, gilt hier “Augen zu und durch”. Um nicht missverstanden zu werden: eine solide bis gute Leistung, aber eben keine, die umhaut, sprachlos macht.

Da Barbara Dobrzanska leider immer noch erkrankt war, lud man Galina Shesterneva aus Mannheim ein, wo sie am Abend zuvor die gleiche Partie interpretiert hatte. Daher irritierten die Textunsicherheiten umso mehr. Die leicht gaumige, eben typisch slawische Tongebung empfand ich als hörenswert, aber der Zahn der Zeit hat an dem Sopran doch so arg genagt, dass die Russin sich vor allem im hohen Forte wohlfühlt – ihr “Io quella lama gli piantai nel cor” war markerschütternd. Ihrer großen Arie, dem “Vissi d’arte” fehlte es bei aller Grundehrlichkeit doch ein wenig zu sehr an Verinnerlichung  im Vortrag. Auch darstellerisch ist Shesterneva die große Diva, zu selten die leidende Liebhaberin. Das Erkennen von Marios Tod ganz am Schluss war fast beiläufig – der Tod dann wiederum larger than life.

Die Konstante zu den vorherigen Spielzeiten stellte Jaco Venter als Scarpia dar. Sein lüsterner  Polizeichef, der hier Kardinal ist und den Antiklerikalismus des Werkes schärft, tremoliert ein wenig zu arg, aber dieser bärbeißige Klang hat schon etwas für sich. Darstellerisch ist er vom Führungstrio mit Abstand am präsentesten. Seine fast kindliche Lust am psychologischen Quälen ist da manchmal fast schon zuviel des “Guten.”

Share Button
(Visited 163 times, 1 visits today)