Aida / Mannheim (6.11.2016)

  • 8
  • November 6, 2016

Wenn ein neuer Intendant und ein neuer GMD am selben Haus gleichzeitig an den Start gehen, dann erwartet man natürlich einen Paukenschlag. Vor allem bei einer “Aida”. Allerdings besteht dann doch ein himmelweiter Unterschied zwischen einem Schlag auf die Pauke und einem Schlag ins Gesicht des Publikums.

Intendant Albrecht Puhlmann deutete in Zeitungsinterviews zu Beginn der Spielzeit an, er habe aus seiner nicht gerade erfolgreichen Stuttgarter Zeit  gelernt. Man fragt sich, was er denn nun gelernt hat – die Auswahl kompetenter Regisseure auf jeden Fall nicht. Ein gewisser Roger Vontobel, natürlich vom Schauspiel kommend, müht sich auf eine derart qualvolle Weise am Verdi’schen Spätwerk ab, dass das Publikum spätestens beim Triumphmarsch wahlweise ins irritierte Lachen oder fremdschämende Kopfschütteln verfällt. Wir sehen dann nämlich auf einer riesigen, potthäßlichen Tribüne Choristen beim Aufklappen von Farbtafeln, so dass große Bilder jener Art entstehen, wie wir sie aus nordkoreanischen Stadien kennen, nur dass es dort mit dem Timing besser hinhaut. Schon zuvor merkt man, dass Vontobel vor allem bei den großen Szenen entweder in Schockstarre oder wilden Aktionismus verfällt, weder mit dem Antiklerikalismus noch dem leidenschaftlichen Pazifismus des Werkes kann er etwas anfangen. Eigentlich merkwürdig, wenn man bedenkt, dass in optischer Hinsicht die Maxime “Regietheater vom Grabbeltisch” zu gelten scheint. In den Szenen, die detaillierte Personenführung verlangen, erlebt man eine passable, keineswegs originelle Regie – eine x-beliebige Repertoire-“Aida” in Wien wäre da auch nicht anders. Und so fällt gar nicht mal auf, dass Galina Shesterneva erst am Morgen in die Inszenierung eingewiesen wurde um, die erkrankte Miriam Clark zu ersetzen. Angesichts der Kurzfristigkeit des Einsatzes verbietet sich Kritik an der gesanglichen Leistung, aber ich hatte Shesterneva stimmlich schon weit präsenter und vor allem voluminöser in Erinnerung. Geschenkt, es war ja sowieso ein scheiß Abend. Rafael Rojas als Gast-Radames klang ebenfalls nicht besonders potent, eher nach einem Rodolfo – aber wenn man es so betrachtet, ist die den Stimmbändern abgetrotzte Leistung dafür umso beachtlicher. Dass er seine große Arie auf keinem Diminuendo enden lassen würde, war da von Anfang klar. Wurscht. Die Amneris von Heike Wessels, weiterhin im Ensemble, klingt im zweiten Akt freier als im ersten und findet dann im Gespräch mit Aida  sogar richtig abgründige Töne. Wirklich überzeugt hat sie mich allerdings auch nicht, und so habe ich die Segel nach dem furchtbar banalen Akt II gestrichen. Der endete übrigens damit, dass die Merkel-Parole “Wir schaffen das” auf einem Banner entrollt wurde – warum, das weiß nur Herr Vontobel. “Nein zu CETA” wäre doch aktueller gewesen. Auf der Nachhausefahrt – übrigens im Stau: der beste Teil des Abends –  wurde mir dann klar, dass auch der Chor nicht immer präzise klang und der neue GMD, Alexander Soddy, ob seines etwas pauschalen Dirigats keinen nachhaltigen oder positiven Eindruck hinterließ.

Fazit: verschenkte Lebenszeit.

Share Button
(Visited 224 times, 1 visits today)

One Comment