Faust / Stuttgart (3.11.2016)

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  • November 4, 2016

“Was die Welt / Im Innersten zusammenhält”, wer kann das schon sagen ? Und von einer Weltstadt wie Paris ganz zu schweigen. Obwohl, lass mal den Castorf ran….

Was diese neue “Faust”-Produktion vom Berliner Schaubühnen-enfant terrible zusammenhält, ist zum einen das imposante Bühnenbild von Aleksandar Denić. Die Metro (natürlich mit der Haltestelle namens Stalingrad), eines der unzähligen Cafés (mit dem Namen “Café d’or noir” als Anspielung auf den Bayreuther “Ring” zu deuten ?), ein ins Arabisch kippender Coca-Cola-Schriftzug, Notre-Dame und wasweißichnochalles.  Zum anderen ein tänzerisches Dirigat von Marc Soustrot, das zwischen federndem Can-Can-Klängen eines Offenbach und dem Berlioz’schen “marche funèbre” alle Emotionen abdeckt und vom jeglichen Vorwurf  der Seichtigkeit befreit. Bravo !

Und zum dritten eine Regie, die sich so ungewohnt wie bescheiden in den Dienst des Stückes stellt. Freilich hat dieser “Faust” gar nichts mir der deutschen Tiefschürfigkeit des Geheimrates Goethe zu tun – hier geht es um das pralle Leben: Jugend, Sex, Geld. Legt man die Germanistikerbrille ab, findet man schnell Freude an der Gounod-Fassung, die in der deutschen Fassung ursprünglich “Marguerite” lautete. Castorf lässt sich mit Leidenschaft auf die romanische Perspektive ein – und legt mit zusätzlich rezitierten Texten von Rimbaud, Verlaine et al. noch eine Schippe drauf. Der exzessive Gebrauch der Handkamera samt Liveübertragung ist hier – im Gegensatz zum “Ring” – gekonnt und erhellend. Langweile kommt nie auf, die großen Tableaus kommen Castorf sehr entgegen, so dass er bei den ruhigeren, intimen Szenen den Vorschlaghammer beruhigt liegen lassen kann und den Sängern ausreichend Raum gibt. Gerade nach der Pause entstehen beeindruckende Bilder – wie Margarethe am Ende die Tabletten aus Fausts Phiole in den Sekt kippt und beim Auflösen beobachtet, wartend auf den Tod, dann ist das großes Kino. Mandy Fredrich hat diese Partie vollkommen verinnerlicht – diese junge Frau ist kein religiöses Hascherl, sondern eine zu lebenslustige “Traviata” mit warmem Sopran. Nicht weniger beeindruckend gerät die Szene zwischen ihr und Siebel – hier ganz klar eine Frau (Josy Santos mit wunderbar “zittrigem” Mezzo) – im Akt zuvor. Ganz klar: Mann und Frau, das passt nicht zusammen. Dabei wäre “ihr” Faust (Atalla Ayan) ein Tenor, der alles mitbringt, vor allem bronzenes Timbre und Höhensicherheit. Das “demeuere chaste et pure” war hervorragend, mag sein Charakter auch noch so ein Arschloch sein. Gezim Myshketa als Margarethes Bruder Valentin treibt seine Schwester mit potentem Bariton nicht weniger in den Tod als seine Kameraden der Fremdenlegion. In dieser Choroper zeigt sich wieder einmal, wie wertvoll ein spielfreudiger Chor ist und da war Stuttgart ja immer ganz vorne. Der Teufel (Adam Palka) muss hier die Protagonisten eigentlich nur noch aus freien Stücken ins Verderben laufen lassen. Anfangs beim Pakt mit Faust noch als Vampir, später als Zuhälter beobachtet und kommentiert er bissig und lustvoll; beim “veau d’or” treten Rampensauqualitäten zu Tage. Klasse !

Meine ganz persönliche Erkenntnis: Musiktheater kann dann ganz groß werden, wenn man nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, wie noch vor ein paar Tagen in München erlebt. Kein Star in einer bestenfalls routinierten Produktion kann intensive Probenarbeit und Lust auf Neues aufwiegen. Wer gefällige große Oper erleben will, fahre nach München. Und wer Oper möchte, die großartig ist weil sie eben gar nicht jedem gefallen will oder muss, der fahre nach Stuttgart.

 

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