La Juive / München (30.10.2016)

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  • November 1, 2016

Seit ein paar Jahren erlebt “La Juive” landauf, landab ein Revival – glücklicherweise. Ein “Gott sei Dank” passt kaum, denn die Tagesaktualität dieser großen Oper könnte kaum höher sein. Das hat zur Folge, dass man als Opernreisender nicht mehr einfach nur dankbar sein muss, das Werk endlich einmal sehen zu dürfen, sondern auch zunehmend Kritik an Einzelpunkten äußert. Insofern sei der Bayerischen Staatsoper kurz gedankt, und der Rotstift dennoch gezückt – auch wenn es gar nicht mal viel Negatives anzustreichen gibt.

Wirklich schwach ist allerdings die Regie von Calixto Bieto – kein Vergleich zu Stuttgart (Wieler/Morabito) oder gar Mannheim (Konwitschny). Wer das Stück nicht kennt oder sich nicht zuvor damit beschäftigt hat, wird kaum Zugang finden. Das liegt auch daran, dass nahezu alle im stahlgrauen Bühnenbild schwarze Kleidung tragen (bis auf Rachel, die trägt immerhin dunkelgrün), was auf Dauer doch sehr ermüdet. Es braucht eine Weile, bis man überhaupt erkennt, wer von wo eigentlich singt, die Personenkonstellationen sind lange Zeit vage bis unklar. Zwischenmenschliche Kommunikation erlebt man ebenfalls nur ansatzweise, so dass durchaus gute, optisch ansprechende Tableaus (Ende erster Akt zum Beispiel) vollkommen isoliert, ohne Bezug zum vorherigen Bühnengeschehen dastehen. Erst im Kerkerakt und der abschließenden Verbrennung Rachels (grandioser Feuereffekt, da kann Wotan einpacken !) kommt Tempo auf, allerdings viel zu spät. Ein Tipp: Mehr als einmal habe ich gedanklich die Konwitschny-Fassung über die Bieto-Fassung gelegt, um nicht einzudösen, das hilft.

Bertrand de Billy konterkarierte die Kürzungen der Partitur durch ein gedehntes Dirigat dann und wann ein wenig zu arg, überzeugte aber gleichwohl mit seiner sehr geschmackvollen, nie Effekt heischenden Herangehensweise und ermöglichte auch den “sängerischen Grenzgängern” ein möglichst ideales Klangfundament. Bei Grenzgängerin Nummer Eins handelt es sich um Aleksandra Kurzak, die ja in der Premierenserie relativ kurzfristig ein Upgrade von Eudoxie zu Rachel machte. Freilich ist die Polin über den Koloraturpart etwas hinaus, allerdings fehlt dann doch die nötige tiefere Grundierung der Stimme, wie ein Falcon-Sopran es eigentlich verlangt. Auch das Französisch müsstete etwas französischer klingen. Dennoch spielt sie Partie überzeugend – nur schade, dass der Regie so wenig zu ihr eingefallen ist. Ihr Bühnenvater ist Grenzgänger Nummer zwei und bekannterweise Kurzaks Lebenspartner abseits der Bühne, weshalb der Star der Produktion, Roberto Alagna, auf Alt geschminkt wurde. Dies steht im Widerspruch zu seinem virilen Timbre in der Mittellage – die Höhe ist leider wie so oft gefährdet. Gerade beim “Rachel, quand du seigneur” muss man gen Ende um jeden Aufschwung bangen, die Stimme klingt arg angegriffen. Führt man sich die Übertragung der Premiere vor Augen (und Ohren), war es nach audiophilen Kriterien die richtige Entscheidung, die Cabaletta mittlerweile zu streichen – es ist bei ehrlicher Betrachtung allerdings ein Offenbarungseid. Aber wir sind ja in München, die wenigsten dürften etwas bemerkt haben. Und auch er spielt ja intensiv und nimmt durch ein grandioses Idiom ein. Da darf man klatschen.

Ebenfalls erneut “von der Partie” war Vera-Lotte Böcker als Eudoxie: mit soliden, wenn auch nicht brillanten Koloraturen und Tönen jenseits der üblichen Kanarienvögel eine rundum überzeugende Besetzung – und das ganz ohne großen Namen. Neu im Team hingegen Edgardo Rocha als Leopold mit imposant erkämpfter wie kraftvoller Höhe bei seiner Auftaktserenade. Beide bleiben szenisch äußerst blass – gerade bei Böcker ist es kaum zu glauben, wenn man sich wehmütig an ihre Mannheimer tour de force zurückerinnert. Ante Jerkunica als Kardinal Brogni trotzt aller Bühnendunkelheit, indem er – welch Ironie – mit rabenschwarzem, autoritärem Bass auftrumpft. Fantastisch!

Was bleibt von dem Abend ? Zum einen erneut die Erkenntnis, dass “La Juive” ein Meisterwerk ist, da selbst eine öde Regie dem Stück nichts anhaben kann. Und zum zweiten, dass München eben – da mag Herr Bachler in Interviews Eigenlob verteilen, so viel er möchte – doch nur eine der vielen Stationen im internationalen Sängerzirkus darstellt, wo sich eine letztlich austauschbare Regie und (Abend-)Fassungen den individuellen Bedürfnissen der Stars anzupassen haben.

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