La Favorite / München (31.10.2016)

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  • November 1, 2016

“Angeblich soll München das Werk bald szenisch geben. Ich frage mich, wie das werden soll…….” schrieb ich im Dezember letzen Jahres nach dem Besuch der konzertanten “Favorite” an der Deutschen Oper Berlin. Nun weiß ich es: gar nicht mal so übel. Allerdings….

…macht Regisseurin Amelie Niermeyer aus dieser antiquierten Dreiecksgeschichte ein modernes Eifersuchtsdrama, was nicht so wirklich funktioniert. Der ganze Weihrauch, der ganze Hofstaat werden nur angedeutet. Die Charaktere sind jedoch zu arg einem vom christlichen Glauben und monarchischen Herrschaftsdenken geprägten Libretto  verpflichtet, so dass die aufs Heute übertragenen Nöte und Empfindungen der Charaktere nicht wirklich nachvollziehbar sind. Da die Personenregie aber so präzise ist, fällt dieses Manko – eigentlich ein Ausschlusskriterium – nicht einmal besonders stark ins Gewicht. Schwerer wiegt da schon, dass das Stück, wenn wir ehrlich sind, kein starkes ist. “Don Carlo” hat bei einer ähnlichen Thematik musikalisch und dramaturgisch viel, viel mehr zu bieten. Und so kann der Leerlauf zumindest nur begrenzt der Regie angelastet werden. Der einzige “Aufreger”, falls man ihn bei eiem zaghaften Buhrufer überhaupt so nennen will, ist das Ballett, in dem wir den König und seine Mätresse beim – ja was eigentlich ?- Betrachten eines Filmes, der aus dem Saal auf sie projiziert wird, beobachten können und einen ironisch-detailreichen Einblick in die Beziehung  Alphonse/Leonor erheischen können.

Warum setzt man ein solches Werk also überhaupt an ? Die Entscheidung der Intendanz für “La Favorite” ist in erster Linie wegen des Interesses Elina Garanca an der Titelpartie nachvollziehbar. Gleichwohl überzeugt sie mich erneut nicht so wirklich. Die ruhigen Stellen gelingen ihr ausnehmend schön und berührend – überhaupt ist die stimmliche Leistung über den kleinsten Zweifel erhaben, aber den ganzen Abend empfand ich Garancas Darstellung als zu distanziert. Ich benötige keine Selbstentäußerung à la Waltraud Meier, aber etwas mehr Emotionen hätte der Darbietung gut getan.  Und so entpuppt sich Matthew Polenzani als der eigentlich Gewinner des Abends. Zu seinem perfekten Französisch und der atemberaubenden Fähigkeit zur voix mixte, die vielleicht ein wenig zu häufig eingesetzt wird,  fehlte mir noch etwas mehr Kraft bei den aggressiveren Stellen der Handlung – dieser Fernand klingt eindeutig nach lover, nicht nach Krieger. Seinem Gegenspieler, König Alphonse, leiht Mariusz Kwiecień seinen Bariton mit warmen, frei strömendem Legato und eine rollendeckende Widerwärtigkeit. Florian Sempey vor zehn Monaten empfand ich in der selben dennoch stimmiger, gleiches gilt für den zu jungen, wenn auch korrekten Balthazar von Mika Kares. Die stimmliche Autorität, die nötige gravitas eines Ante Jerkunica, der noch am Vorabend den Kardinal Brogni in der “Jüdin” sang, suchte man vergebens.

Am Pult stand Karel Mark Chichon, welcher der Partitur einen durch und durch italienischen Anstrich gab. Die Tempi sind gut gewählt, die individuellen Bedürfnisse der Sänger werden gekonnt berücksichtigt, den orchestralen Passagen hört man an, wie sehr sich Chichon bemüht, diese nicht gerade spannende Partitur irgendwie individuell zu zeichnen, was dann wiederum fast ein bisschen zu gewollt klingt.

 

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One Comment

  • Schlatz says:

    Ihre Beschreibung von Garancas Leistung finde ich interessant. Mich störte bisweilen auch eine gewisse Kühle, schon seit dem allerersten Mal erinnern, als ich sie hörte.
    Grüße