Manon Lescaut / Ulm (29.10.2016)

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  • October 29, 2016

Für 22 Euro bekommt man momentan ca. 20 Pfund oder 25 Dollar. Eine Hauptspeise in einem guten Restaurant. Impfstoff für 50 Mal Polio-Prophylaxe. Oder man haut sie in den Wind für eine “Manon Lescaut”-Karte in Ulm.

Wie immer in Ulm wird die Geschichte um die gefallene Manon in ästhetisch ansprechenden Bildern erzählt – sei es ein etwas schäbiger Bahnhofswartesaal im ersten Akt, ein schickes Loft mit Panoramablick auf den Eiffelturm im zweiten Akt oder eine Schutt- und Trümmerwüste im vierten Akt. Bedauerlicherweise spielt sich in all diesen Bildern aber wenig Theater im eigentliche Sinne ab. Konkrete Personenregie: Fehlanzeige. Das Äußerste, was Manon und Des Grieux sich gegenseitig an Zuneigung entgegenbringen, ist eine Berührung am Unterarm. Das mag in der schwäbischen Provinz ja schon als frivol gelten, aber pst, liebe Regie (Matthias Kaiser): dem ist nicht so. Euer Des Grieux ist kein stürmischer Studiosus, sondern ein behäbiger Schalterbeamter. An dieser Partie sind stimmlich schon ganz andere Namen gescheitert, aber Eric Laporte schlägt sich in zumindest in vokaler Hinsicht vergleichsweise wacker, auch wenn sich die Höhe im Laufe des Abends zunehmend und hörbar verengt. Das ist verzeihbar – das Fehlen jeglicher Chemie mit seiner Bühnenliebe jedoch nicht. Die wurde laut Intendant kurzfristig für die grippale Edith Lorans aus Bukarest hergeholt. Nun verbietet sich allzu scharfe Kritik an Einspringern, aber angemerkt werden darf schon, dass die Stimme in den Parlandopassagen kaum ansprang und bei den so grandiosen Aufschwüngen völlig aus dem Fokus rutschten. Bereits bei den “quelle trine morbide” klingt es mehr nach amerikanischem Wüstentod als amourösem Sich-Verzehren – und auch darstellerisch wirkt Madeleine Pascu wie eine alt gewordene Mimi, die im zweiten Akt halt schlechte Laune hat. Immerhin versucht sie im vierten Akt mit einem Überschuss veristischer Attitüde die Klippen der Partitur zu umschiffen und dem bis dahin scheintoten Abend etwas Leben einzuhauchen. Spätestens da war meine Nebensitzerin  geistig wieder anwesend, hatte sie doch im zweiten Akt ein hörbares Nickerchen eingelegt. In den Nebenrollen profiliert sich einzig Martin Gäbler als potenter und gar nicht seniler Geronte – der grimassierende Lescaut von Kwang-Keun Lee nervt hingegen. Der verdiente wie jaulende Kammersänger Hans-Günther Dotzauer als Edmondo / Tanzmeister / Lampenanzünder lässt Schlimmes für seinen Hermann befürchten.

Emotionen waren also Fehlanzeige und so galten die Taschentücher, die gezückt wurden, einzig der Bekämpfung der ebenfalls hörbaren Atemwegserkrankungen des Publikums. Insofern ist es auch kein großes Drama, dass Timo Handschuhs Dirigat nicht die gleiche Klasse wie seine “Turandot” letztes Jahr besaß.

Falls Sie also 22 Euro übrig haben, lieber Leser, und nicht nach Großbritannien oder die USA reisen, auswärts essen oder armen Kindern etwas Gutes tun wollen, dann investieren Sie das Geld in eine gute “Manon Lescaut”-CD.

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