L’elisir d’amore / Karlsruhe (22.10.2016)

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  • October 23, 2016

Es gab in den letzten Jahren Momente, da hatte ich eigentlich schon alle Hoffnung aufgegeben, was Karlsruhe betrift. Daher freu ich mich umso mehr zu vermelden, dass der Start in die neue Spielzeit dem Badischen Staatstheater rundum geglückt ist – musikalisch wie szenisch.

Freilich ist ein “Liebestrank” kein interpretatorischer Balanceakt. Keine Welterklärungsversuch à la Wagner, keine pseuso-historischen Szenarien wie bei Meyerbeer, sondern bestenfalls eine short story. Die Regie muss einfach nur die Geschichte erzählen und dabei darauf achten, den Spannungsbogen nicht einbrechen zu lassen, handelt es sich doch um ein besonders dünnes “Geschichtchen”. Jacopo Spirei hatte mit seinem “Falstaff” vorletztes Jahr schon einen Volltreffer gelandet, da war die Entscheidung der Intendanz für Spirei folgerichtig. Die Handlung wird in eine Bahnhofshalle der Jetztzeit verpflanzt – der KVV (für Nicht-Karlsruher: die örtlichen Verkehrbetriebe, bei denen es schon seit längerem wegen Personalmangel und Dauerbaustelle drunter und drüber geht) streicht die Straßenbahnen und die Reisegäste sitzen fest. Somit hat die Kioskbesitzerin Adina Gelegenheit, den Groschroman über Isoldes Liebestrank lautstark unter die Leute zu bringen, was von der Reinigungskraft Nemorino mit Hingabe vernommen wird. Der einzige Zug, der dann einfährt, ist der vergoldete des Scharlatans und Quacksalbers Dulcamara, der, ebenfalls im Goldoutfit, seine Placebo-Medikamente unters gestresst-gelangweilte Volk bringt.

Knapp 20 Mal spielt man den Donizetti diese Saison, da sind die Rollen freilich doppelt, wenn nicht gar dreifach besetzt. In der gestrigen B-Premiere besaßen alle Solisten eigentlich A-Qualitäten: Ina Schlingensiepen ist eine etwas überreife Adina, trifft aber das Wesen ihres Charakters trotzdem mit stimmlichem Volumen und Spielfreude. Stefan Sevenich ist ein in stimmlicher Hinsicht eher leichtgewichtiger Dulcamara, aber dennoch ein rasanter Wirbelwind. Seung-Gi Jung als Belcore kann hier endlich einmal ohne Kraftanstrengung (wie manchmal bei Verdi oder Wagner) seinen kräftigen Bariton zur Schau stellen. Mit Alexey Neklyudov (Nemorino) hat Karlsruhe einen besonderen Glücksgriff gemacht – der junge Russe beginnt ein wenig verhalten, aber mit wie viel Geschmack und Sicherheit er die doch etwas abgestandene “furtiva lagrima” besingt, das reißt selbst das zahlreich erschienene Palliativ-Abopublikum zu Begeisterungsstürmen hin. Ebenfalls mit viel Beifall bedacht wurden die Mitglieder des engagierten Chores sowie das umsichtige, einfühlsame Dirigat von Daniele Squeo.

Ketzerische Frage: wozu braucht es da noch eine Gala, wenn das Repertoire schon so stark besetzt ist ? (Der Honigsammler berichtet von einer gleichfalls voll überzeugenden A-Premiere: https://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2016/10/donizetti-der-liebestrank-15102016.html)

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