Martha (Premiere) / Frankfurt (16.10.2016)

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  • October 19, 2016

Mit Grausen erinnere ich mich an meine erste und bisher einzige “Martha” – diese provinziell-biedere Produktion in Ulm vor zehn Jahren lag mir doch so schwer im Magen, dass ich mich nur mit Mühe zu einem Zweitbesuch, dieses Mal in Frankfurt durchringen konnte. Vielleicht sollte ich ja öfters mit niedrigen Erwartungen in die Oper gehen, dann wären die positiven Momente noch zahlreicher. Aber selbst wer mit high hopes angereist war, kam auf seine Kosten…

Regisseurin Katharina Thoma macht das vielleicht einzig Richtige: sie aktualisiert das Stück behutsam, indem Elizabeth II. (leider stumm) auftreten darf und Online-Datingportale zur Anwendung kommen; Kritik an dem Geschlechterbild der Biedermeier-Zeit übt sie auf humorvolle Weise, indem sie ganz nebenbei manche Männer in Dirndl und manche Frauen wiederum in Lederhosen steckt. Ein dramaturgisches Meisterwerk ist diese Oper nicht, und das zentrale Verdienst Thomas liegt darin, es gar nicht zu einem machen zu wollen.

Ohne das Damoklesschwert eines “Konzepts” (oder das, was man dafür ausgeben könnte) haben die Sänger umso bessere Möglichkeiten, sich auf die pointierte Personenregie einzulassen und die Melodien – und was für welche das doch sind ! – mit Anmut über die Rampe zu bringen, zumal Sebastian Weigle ihnen einen derart samtweichen Klangteppich zu Füßen legt. Wen soll man also als erstes loben ? Nun, neben den engagierten Chormitgliedern, die auch einzelne Soli übernehmen, den profunden Alt von Katharina Magiera als Nancy und den feschen, höhensicheren, wenn auch in der Tiefe etwas schwächelnden Björn Bürger als Plumkett. AJ Glueckert scheint die neue tenorale Allzweckwaffe dieser Saison zu sein, und der Einstand des neuen Ensemblemitglieds war ein Volltreffer: eine ideale Stimme fürs Zwischenfach mit italienischer Gesangskultur, mit Schmelz und Kraft gleichermaßen gesegnet und ohne Registerbrüche. Nach diesem Lyonel kommt man fast ins Grübeln, seinem Erik in der Wiederaufnahme des szenisch eher verunglückten “Holländers” einen Besuch abzustatten. Mindestens genauso gut, wenn auch von den vier Hauptpartien die lautstärketechnisch zurückhaltendste, Maria Bengtsson als Lady Harriet die sich auf dem Markt zu Richmond als Magd Martha ausgibt. Dieser cremige Sopran ist wie für Strauss und Mozart gemacht und erinnert an eine junge Anne Schwanewilms oder Anja Harteros. Diese astreinen Koloraturen und gleichzeitig die Fähigkeit zur nur scheinbaren Schlichtheit beim “Schlager” des Stückes (“Letzte Rose”), das dürfte diesem Sopran so schnell kein anderer nachmachen.

Daher die eindringliche Empfehlung: vergessen Sie die bescheuerten Texte und die altbackene Story. Machen Sie die Ohren auf und genießen sie das vielleicht gelungenste Plädoyer für die deutsche Spieloper seit langem.

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