Paul Bunyan / Frankfurt (14.10.2016)

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  • October 15, 2016

Was ist das eigentlich ? Ein Musical ? Eine amerikanische Operette ? Gar ein US-Singspiel ? Just zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan hat man die Gelegenheit, im Frankfurter eine…was immer es auch sei zu sehen, die sich keinen Deut um Genres schert, die gleichermaßen unterhält wie zum Nachdenken anregt. Ausgerechnet des relativ jungen amerikanischen Mythos des riesigen Holzfällers Paul Bunyan nahmen sich der ins amerikanische Exil geflüchtete Benjamin Britten und sein Librettist W.H.Auden an. Wer einen Riesen wie im “Rheingold” erwartet, wird enttäuscht sein, wie sehen Nathaniel Webster in der Titelpartie erst zum Schlussapplaus – zuvor konnte lediglich sein sprechender Kiefer per Einspielung gesehen werden. Und somit ist Paul Bunyan durch und durch amerikanisch – du bist das, was du draus machst. Wie groß oder klein man ist, das ist nur dem eigenen Vorstellungsvermögen geschuldet. Dieser erfolgreiche Holzfäller heuert für sein Arbeitscamp zahlreiche Männer an und errichtet mit ihnen mitten in den Wäldern einen Mikrokosmos, der sich durch eine Webersche Arbeitsethik auszeichnet. Man fühlt sich phasenweise fast ein wenig an “Mahagonny” erinnert, allerdings ohne den linken, moralinsauren Zeigefinger.

Genauso episodenhaft wie die Handlung, so erklingt auch die Musik. Bereits die Ouvertüre weist nachdrücklich auf die Meisterschaft Brittens hin, Seelenzustände mit Naturbeschreibungen zu verknüpfen – “Peter Grimes” ist gar nicht einmal so fern. Allerdings geht es bei “Paul Bunyan” um einiges humorvoller zu, und Regisseurin Brigitte Fassbaender erzählt die nicht immer spannungsreiche Handlung mit Tempo, Witz und Phantasie. Die nachdenklichsten Töne kommen von Michael McCown, der dem kulturbeflissenen Buchhalter Johnny Inkslinger seinen charakteristischen Tenor leiht. Die Parallelen zum Europäer Britten in der kulturellen Ferne, das Gefühl des Fremdseins, trifft er vorzüglich. Als besonderen Gast in der Rolle des Erzählers konnte man den Folk- und Blues-Musiker Biber Herrmann gewinnen. Nikolai Petersen und dem Orchester gelingt eine perfekte Umsetzung der etwas sperrigen Musikalität, die mich manchmal an Stephen Sondheim erinnerte. Auch von der Seite aus hatte er stets den Laden fest im Blick und im Griff, wovon sicher auch die zahlreichen jungen Studenten der Musikhochschulen Frankfurt und Mannheim im präsenten und spielfreudigen Chor profitierten.

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