Les Huguenots (Premiere) / Würzburg (2.10.2016)

  • 0
  • October 3, 2016

Nein, Sie sind nicht im Musical, auch wenn die kreativen Kostüme (Pascal Seibicke) anfangs an den Kit Kat Klub erinnern. Der irritierte Blick in den Orchestergraben zeigt einen gut aufgelegten, solide spielenden Klangkörper unter der Leitung von Enrico Calesso, “Cabaret” kann es also nicht sein. Oder doch ?

Regisseur Tomo Sugao verlegt die Handlung der französischen Konfessionskämpfe in die goldenen Zwanziger – und so scheinen die partywütigen Katholiken um den Grafen von Nevers (Daniel Fiolka) einem rabenschwarzen George Grosz-Gemälde entsprungen zu sein. Der tugendhafte Diener Marcel (Tomasz Raff mit kaum vorhandener Tiefe) und sein Herr, Raoul de Nangis sind protestantisch schlicht gekleidet, wobei letzerer sogar im Matrosenanzug auftritt. Uwe Stickert singt diese vertrackte Partie trotz des irritierenden Kostüms mit doppelter Leichtigkeit – zum einen hat er mit der Höhe so gar keine Probleme, zum anderen klingt sein Tenor manchmal etwas körperlos. Nichtsdestotrotz die stimmlich gelungenste Leistung des Abends, vor allem im direkten Vergleich zu seiner Angebeteten Valentine. Dass Karen Leibers Sopran für diese Partie eigentlich ein wenig überreif ist, geht als Geschmacksfrage durch; nicht jedoch die mehrfach aus dem Fokus rutschende Höhe, insbesondere im dritten Akt. Hier wird das Geschehen zunehmend dramatisch, zumal im Akt zuvor das Gezeigte fast ins Slapstick-hafte rutschte. Die Marguerite de Valois (Claudia Sorokina) bringt Raoul weniger mit ihrem geschickt um die erhofften Höchsttöne schiffenden Sopran als ihrer langen Schleppe und beim Küssen störenden Kopfschmuck um den Verstand. Silke Evers singt in der Hosenrolle des königlichen Pagen Urbain auf höchst anhörbare Weise.

Nach der zweiten Pause entsteht dann ein irritierender Bruch, von dem ich auch am Folgetag nicht so richtig schlau werden. Nun sehen wir die Katholiken ohne Fummel, sondern in schwarz-grauen Arbeitertrachten mit faschistischem Einschlag, insbesondere beim erschütternden Schlussaufmarsch nach dem Massaker an den Hugenotten. Der Tanz auf dem Vulkan ist vorbei und die Katastrophe ist da – die Erschütterung des Grafen von Saint-Bris (Bryan Boye mit imposanem Bassbariton), dass seine eigene, mittlerweile konvertierte Tochter unter den Opfern ist, hat unerwartet starke Wirkung.

Und so frage ich mich, ob es am Anfang auch mit weniger Klamauk gegangen wäre, denn die letzten beiden Akte werden überzeugend, ja fast stark erzählt. Oder war der Klamauk die nötige Fallhöhe ? Ich weiß es nicht. Das – wie eigentlich immer in Würzburg – in überschaubarer Menge erschienene Publikum zeigte sich durchweg angetan. Dem Werk sei es in jedem Falle gegönnt !

Share Button
(Visited 110 times, 1 visits today)