Der Freischütz / Zürich (25.9.2016)

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  • September 25, 2016

“Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum” heißt es im Faust. Es scheint, als ob Regisseur und Bühnenbildner Herbert Fritsch sich eher an genanntem Goethe-Zitat als dem Libretto bei seiner Konzeption des “Freischützes” orientierte. Wobei es Fritsch nicht bei grün belässt, sondern sich großzügig aus einem psychedelischen Farbkasten bedient, der die Flower Power der Sechziger wiederum fast schon grau wirken lässt.

Auch Marc Albrecht dirigierte passend zur Inszenierung keinen dunklen, sondern überaus farbigen “Freischütz”. Es geht dem Inszenierungsteam offensichtlich um eine Deutung fernab des Altbekannten; und vielleicht ist der Spielort Schweiz gar nicht einmal so unglücklich gewählt für diese urdeutsche Oper. Auf neutralem Territorium lässt sich dieses Werk durchaus distanzierter betrachten und somit gilt für die üblichen ethischen Debatten beziehungsweise Fragen wie Täter- und Mitläuferschaft und das deutschen Wesen im Allgemeinen, Vergangenheitsbewältigung, psychosexuelle Tiefenanalyse – Fehlanzeige. Klar, der überaus neurotische Max steht offensichtlich unter der Fuchtel seiner Angebeteten, mehr auch nicht. SS-Ledermäntel fehlen ganz und froschgrün sind nur die Kostüme des affenartigen Kunos (Pavel Daniluk). Christopher Ventris singt den Jägerburschen mit dem ihm so eigenen Timbre, das mich stets begeistert. Fritsch übertreibt und überzieht stattdessen, lässt den Chor albern und blödeln, was dieser auch mit Wonne tut. Allgegenwärtig ist ein tollpatschiger Samiel (Florian Anders), der von allen ungesehen bleibt und regelmäßig gegen Wände läuft, stolpert und sich zum Affen macht. Was will uns Fritsch damit sagen ? Dass das Böse eigentlich gar nicht böse ist, sondern letzten Endes wir selber, im Sinne Sartres (” L’enfer c’est les autres”) etwa ? Okay, warum nicht – denn die Wolfsschluchtsszene hat bei aller Albernheit doch etwas Abgründiges, das schwer erklärbar ist, ein Horror jenseits altbekannter Bühnenklischees. Christof Fischesser als Kaspar überzeugt hierbei mit kräftig-flexiblem Bass und variabler Sprechstimme gleichermaßen. Allerdings wirkt die Personenführung in den intimeren Szenen deutlich schwächer und lässt den Spannungsbogen etwas einbrechen – da mag Lise Davidsen (Agathe) ihre zwei großen Arien noch so einfühlsam mit dunkel verschattetem Tonfall und enormer Stimmkraft vortragen und das Ännchen von Mélissa Petit noch so charmant die Freundin aufheitern.

Kann man den Besuch dieses “Freischützes” empfehlen ? Selten war ich mir so unklar über den künstlerischen Wert des Gesehenen – die Qualität des Gehörten steht außer Frage – so unschlüssig. Vielleicht fällt ja in ein paar der Tagen der Groschen und ich kann dann sagen, ob das Alles nun Humbug oder Rezeptionsgeschichte war. Aber bis dahin freue ich mich einfach über die unorthodoxe Perspektive.

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