Die Zauberflöte / Heidelberg (23.9.2016)

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  • September 24, 2016

Wenn wir ehrlich sind, dann können Zauberflöten ziemlich zäh sein, insbesondere nach der Pause, unabhängig von vielen einzigartigen Momenten musikalischer Schönheit. Die summa summarum einer Aufführung bemisst sich nach meinem Dafürhalten folglich in erster Linie nach der gefühlten Aufführungsdauer. Und sieht man einmal von den umwerfenden Produktionen der Komischen Oper Berlin und des Regiealtmeisters Konwitschny in Stuttgart ab, so fällt mir auch bei längerem Nachdenken keine Produktion ein, die ich als derart überzeugend wahrgenommen hätte.

Daran hat in erster Linie die Regie Maximilian von Mayenburgs “Schuld” – zu den Klängen der anfangs sehr gedehnten, später temporeichen Ouvertüre (Dirigat: Elias Grandy) sehen wir einen riesigen Baum (inklusive Apfel) und zahlreiche Liebespaare, darunter auch Tamino und Pamina. Bis ein weiteres – später wissen wir, dass es Sarastro und die Königin der Nacht sind – den Apfel pflückt und ein heftiger Streit um ihn entbrennt. Der Baum reißt entzwei, auf der einen Seite verbleiben die Frauen, auf der anderen die Männer. Obwohl da auch Anspielungen auf Wagner (Weltesche, “Parsifal”) zu finden sind, zeichnet von Mayenburg das Geschehen als einen Kampf der Geschlechter. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass  die Ansprache zu Beginn des zweiten Aktes abwechselnd von Sarastro und eben auch der Königin an ihre jeweiligen Gefolgschaften gehalten werden. Das sexuelle Verzehren der drei Damen (Hye-Sung Na, Carolyn Frank und Polina Artsis) nach dem überaus Fitnessstudio-gestählten Tamino (Namwon Huh mit leichtem, etwas kurzatmigen Tenor) wird da umso verständlicher. Die drei gewitzten Knaben sind somit auch als neutrales Bindeglied der Geschlechter zu sehen – sie wandeln ohne Probleme zwischen den beiden Polen.

Rinnat Morriah überzeugt als Königin der Nacht in der ersten Arie mit manipulativem Furor, schwächelt dann bei der “Hölle Rache”. Monostatos (Winfrid Mikus) ist ein kohlrabenschwarzes Gegenbild zu Papageno (Ipca Ramanovic), der allerdings erst gen Ende ohne das kunterbunte Federkleid richtig befreit aufspielt – etwas zu spät für diese Sympathieträgerpartie. Bei Wilfried Stabers Sarastro überzeugt die profunde Tiefe – wo mancher Sarastro nur noch knurrt, legt Staber noch eine Schippe drauf. Da verzeiht man auch einige Intonationstrübungen zu Beginn der lauteren Passagen. Der große Star des Abends ist dann die Pamina von Irina Simmes – seit Genia Kühmeiers Darbietung in Salzburg habe ich kein derart entrücktes “Ach, ich fühl’s” mehr vernommen, so astrein klingt dieser Sopran, der für dieses Haus in dieser Partie allerdings fast schon zu groß ist.

Am Ende verschmelzen die beiden Baumhälften, Tamino und Pamina sind vereint, Sarastro und die Königin im gegenseitigen Kampf tödlich verletzt – und Papageno und Papagena ? Die nehmen den Apfel, schneiden ihn entzwei und verputzen ihn. Wennes im echten Leben doch auch nur so einfach wäre. Dennoch: wohl bekomm’s !

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