Der Sandmann (Premiere) / Frankfurt (18.9.2016)

  • 3
  • September 19, 2016

Wie schon in den Jahren zuvor eröffnete die Oper Frankfurt mit einem zeitgenössischen Werk die Spielzeit – dieses Jahr war es der “Sandmann”, eine Adaption nach Motiven der E.T.A. Hoffmann-Erzählung.

Da meine Kenntnisse über das literarische Original überschaubar sind, möchte ich mich nur vorsichtig zur Qualität des Gesehenen äußern – aber das, was ich gesehen habe (und was ich dennoch kannte), erschien mir spannend, schauderhaft und spöttisch zugleich zu sein. Die Geschichte um den bestenfalls mittelmäßigen (oder ist er doch ein Genie ?) Schriftsteller Nathanael (Daniel Schmutzhardt mit überragender Präsenz), der sein Kindheitstrauma zu verarbeiten sucht und regelmäßig vom verstorbenen Vater und dem Sandmann/Coppelius in Visionen heimgesucht wird, hat etwas von einem Tim Burton-Film; eben jene Mischung aus Grusel und groteskem Humor. Thomas Piffka und Hans-Jürgen Schöpflin balancieren gekonnt auf diesem schmalen Grat. Regisseur Christof Loy und seine Bühnenbildnerin Barbara Pral verdichten die Handlung durch gekonnte Farbauswahl (weiß, grau, schwarz, rot) und Personenführung.

Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini kreierte eine durchaus anhörbare, wenn auch relativ kurze Oper (80 Minuten), deren Klangsprache durchaus anspricht, auch wenn man dann und wann ob der Komplexität des Gehörten geistig etwas abdriftet. Dirigent Hartmut Keil leitet das Orchester souverän und trägt damit einen wesentlichen Teil zum Gelingen des Abends bei. Thomas Jonigk steuerte wiederum die Texte bei, die beim Publikum für einige Lacher sorgen  – so singt Nathanaels Frau Clara (Agneta Eichenholz mit höhensicherem und biegsamen Sopran)  über ihren Mann “Sein Vater war Totengräber, meiner Bankbeamter – was auch nicht besser ist” (oder so ähnlich).  Was den vehementen Buhrufer am Schaffer-Duo gestört hat, bleibt jedenfalls sein Geheimnis. Ansonsten großer Jubel.

Moderne Oper – sie kann trotz aller Kopflastigkeit durchaus ansprechend, wenn vielleicht auch nicht gefällig sein. Ich habe zum Beispiel noch nie das Bedürfnis gehabt, Sardous “Tosca” zu lesen – ganz gleich, wie toll die Puccini-Aufführung war. Der “Sandmann” liegt jedenfalls als Lektüre bereit. Und das ist ja auch was.

Share Button
(Visited 104 times, 1 visits today)

2 Comments

  • Honigsammler says:

    Danke für die Besprechung! Den Sandmann hatte ich gar nicht auf dem Radar und ETA Hoffmann gehört zu meinen Favoriten. Die Uraufführung war meines Wissens vor 4 Jahren in Basel. Was denken Sie, ist das eine Oper mit Potential und Wirkung, die auch in anderen Häusern inszeniert werden wird oder geht sie den Gang aller schnell vergänglichen zeitgenössischen Opern und verschwindet spurlos?

    • admin says:

      Schwer zu sagen. Die Menge der Solisten ist überschaubar, der Chor wird eher sparsam eingesetzt – das spricht für weitere Aufführungen. Der Orchesterapparat hingegen ist gigantisch.
      Sagen wir mal so: dieser “Sandmann” hätte weitere Aufführungen verdient, vielleicht ja in einer Kammerbesetzung.