Don Giovanni / Bregenz und Salzburg (18. und 21.8.2016)

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  • August 22, 2016

“Viva la liberta!” heißt es auf dem Maskenball Don Giovannis am Ende des ersten Aktes. Was soll das heißen, welche Freiheit ist hier eigentlich gemeint ? In den beiden besuchten Aufführungen wählen die Regisseure zwei Deutungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:

Barbara Wysocka verpflanzt die Handlung um den “bestraften Wüstling” in ein Studentenwohnheim der Siebziger. Die besungene Freiheit ist in Bregenz ganz klar ein Abgesang auf eine verspießerte Gesellschaft. Die Emanzipation stellt das tradierte Männerbild in Frage – und so kommt es, dass für alle drei Frauen Don Giovanni eben kein Sittenstrolch, sondern das Tor zu einer ganz neuen Welt darstellt. Zerlina und Donna Anna möchten, so scheint es, aus ihren fixen, beinahe erstarrten Beziehungen fliehen, während einzig und ausgerechnet Donna Elvira “ihrem” Giovanni echte Liebe entgegenbringt. Eine Liebe allerdings, die so exklusiv ist, dass ein Giovanni sie niemals annehmen könnte. Insbesondere dann nicht, wenn der Titelheld (Held ?) ein radikaler Student mit Waffe ist – hier befindet sich jemand längst auf dem Weg zur RAF. Die Studenten müssen sich somit entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten – in den Untergrund oder den Weg durch die Institutionen, auf dem viele hehre Ziele zur Strecke gekommen sind. (Wir erinnern uns an einen ehemaligen Außenminister mit Taxischein.)

In Salzburg  lässt Übergangsintendant Sven-Eric Bechtolf  in die Lobby eines italienischen Luxushotels der faschistisch angehauchten Vierziger spielen. Als eine der Hotelangestellten mittanzt, wird sie brutal abgeführt. Die Freiheit ist hier die Freiheit des Stärkeren, mit den Schwachen zu tun, was man will. Man setzt deutlich mehr auf Situationskomik und vertraut auf die gesunde Routine der nicht sonderlich Star-lastigen Nachmittagsauffführung. (Die sonst mit Argusaugen wachenden Platzanweiser waren zudem sehr großzügig beim Übersehen der Umsetzaktionen nach der Pause.) Mehr Interpretation, mehr Tiefe gibt es sonst nicht. Das ist für ein Festival, dessen ureigenste Stärke Mozart sein sollte, ein bißchen wenig, wie ich finde, aber das Publikum goutierte die Aufführung – wie übrigens auch am Bodensee.

Beide Inszenierungen haben ihre Schwächen, das sei gesagt – die gemeinsame Schwäche ist die übliche Länge im zweiten Akt, angesichts der Wiener Fassung keine Überraschung. Der Umgang mit den Klassenunterschieden gelingt Wysocka besser als Bechtolf, bei dem nie so ganz klar wird, warum Giovanni eigentlich derart rüde mit Masetto umspringt. Erst am Ende wird klar, dass es sich neben Zerlina um Hotelangestellte handelt, aber da ist es schon zu spät, manche merkwürdig anmutende Szene (Masetto im Designeranzug versteckt sich unter einem Teppich um zu lauschen) aus der Retrospektive galubwürdiger zu empfinden. Wysocka zwingt den Zuschauer, sich selbst innerhalb dieser Studentengruppe zu verorten und machte es einem nie leicht, Stellung zu beziehen. Bechtolf ist da viel eindeutiger – alle sind Arschlöcher, nur manche sind eben etwas charmanter als andere. Gleichwohl gibt es ein paar neue Ideen, die durchaus interessant sind – so lässt Don Giovanni die mit einem Messer bewaffnete Donna Anna ihren eigenen Vater töten und singt mehr als einmal Hotelangestellten nach, während er die Worte eigentlich an Donna Elvira und Zerlina richtet.

In Bregenz singen Mitglieder des neuen Opernstudios und was ihnen an Routine fehlt, das machen sie an authentischer Spielfreude doppelt wieder wett. Wolfgang Schwaiger in Titelpartie gibt den Terroristen in spe mit  viel Lust an maskuliner Kraft, was sich vor allem in der Champagner-Arie zeigt. Sein Leporello (David Ostrek) ist mehr Zyniker als Komiker und mehr als der klassische Sidekick. Mit zärtlicher Strenge stattet Dominic Barberi den Komtur aus, Jung Rae Kim ist als Masetto in stimmlicher Hinsicht weit präsenter als in szenischer – gleiches gilt für Dashuai Chen als Don Ottavio, der aber mit einem warm fließenden Tenor nachdrücklich auf sich aufmerksam macht. Bei den Damen ist Zerlina (Hagar Sharvit) noch zu unsauber in den Koloraturen und Camila Titinger als Donna Elvira ungewohnt lyrisch, was sich aber gut ins Regiekonzept einfügt. Der Star des Abends ist jedoch Oksana Sekerina – hier wächst ein dramatischer Koloratursopran heran, von dem man gerne viel mehr in Zukunft hören möchte. Die Atemkontrolle und die kraftvolle, jedoch nie forcierte Tongebung beeindruckt. Etwas schwerfällig hingegen das Dirigat von Hartmut Keil, das erst im Laufe des Abends an Tempo gewinnt. Ihm stehen allerdings auch nicht die Wiener Philharmoniker zur Verfügung….

Denn die spielen in Salzburg einen romantisierenden, aber nie breiigen Mozart. Die ersten Klänge tönen wie das jüngste Gericht aus dem Graben, wo Alain Altinoglu ein Dirgat von Weltklasseformat abliefert. Zusätzlich spielt er die Rezitative mit Witz – eine wahrhaft umwerfende Leistung. Den einzigen Vorwurf, den man ihm machen könnte, wäre, die zu in stimmlicher Hinsicht zu ähnliche Besetzung der drei Damen akzeptiert zu haben. Bei einem derart hohen gemeinsamen Nenner treten die Defizite – die natürlich gut kaschiert werden, so professionell ist man in Salzburg allemal – deutlicher als sonst zu Tage. Layla Claire fehlt der Furor und die Tiefe für die Elvira, Carmela Remigo als Anna die Puste und Valentina Nafornita die Leichtigkeit.  Bei den Herren schwächelt nur Iiuri Samuilov (Komtur) mit brüchigem Bass, ansonsten wieselt bei den Herren Luca Pisaroni (Leporello) mit einer unglaublichen Spielfreude die Hoteltreppen rauf und runter, betört Ildebrando D’Arcangelo (Don Giovanni) mit rabenschwarzem Bass und attraktivem Äußeren und verzaubert Paolo Fanale mit biegsamen, leicht “schmelzigem” Tenor als Don Ottavio.

 

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