Staatsoperette / Bregenz (2.8.2016)

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  • August 5, 2016

Einen passenderen Zeitpunkt als die aktuelle Posse um die österreichische Bundespräsidentschaftswahl hätten sich die künstlerisch Verantwortlichen in Bregenz wohl kaum für die Uraufführung der “Austrotragödie” (in Anspielung auf die Periode des “Austrofaschismus”) wählen können. Die ursprüngliche Fernsehfassung – 1977 verursachte die Ausstrahlung einen veritablen Skandal – wurde in Pasticcio-Manier mit Eigenkompositionen Otto Zykans erweitert und um 45 Minuten auf knapp eine Eindreiviertelstunde ausgebaut. Gratulation an die Bearbeiter Michael Mautner und Irene Suchy, die für Nichtösterreicher wie mich dennoch verständlich auf die Bühne zu bringen. Interessant, wie viele Parallelen zwischen der deutschen und österreichischen Zwischenkriegszeit zu Tage treten: brennende Institutionen (Reichstag/Justizpalast), eine auf dem rechten Auge blinde Justiz, eine zunehmend marginalisierte demokratische Linke, Freikorps (bzw. Heimwehren), etc. Dabei kritisieren die Autoren nicht nur die Rechte, sondern eben auch die politisch handlungsunfähige Linke, die bis zuletzt nicht begreift, dass ihr die Stunde längst geschlagen hat.

Das gesamte Werk lässt sich am besten als Singspiel (Regie: Simon Meusburger) beschreiben, die Musik besitzt operettenähnlichen Charakter, allerdings werden die gesellschaftlichen Abgründe nicht nur durch die bösen Texte, sondern auch die Musik unter Walter Koberas Dirigat direkt kommuniziert. Zwei der vielen Höhepunkte stellen das “Grüß Gott”-Terzett politischer Konkurrenten und die Canzone des Duce (Gernot Heinrich) dar. Die Autokraten haben, sofern sie mit anderen kommunizieren, alle große Puppen – sie werden somit geführt anstatt zu führen; eine interessante Idee. Die eigentliche Hauptperson des Stücks ist zweifelsohne Ignaz Seipel, jener “Prälat ohne Gnade” der Gewalt gegenüber der Arbeiterschaft gut hieß und sich eigentlich nur noch das Amt des Wiener Erzbischofs wünscht. Camillo dell’Antonio verleiht ihm ein gehöriges Maß an Schmierigkeit. Hagen Matzeit säuselt den Engelbert Dollfuß und grunzt Hitler gleichermaßen überzeugend.

Selten hat abgründige Geschichte soviel Spaß gemacht.

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