Amleto / Bregenz (28.7.2016)

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  • July 29, 2016

“Essere o non essere ?”

Nachdem die neue Intendantin der Bregenzer Festspiele Elisabeth Sobotka letztes Jahr mit “Hoffmanns Erzählungen” auf “Nummer Allzusicher” ging, kehrte sie heuer teilweise auf den Weg ihrer Vorgängers zurück und ließ im Festspielhaus eine halbe Ausgrabung auf die Bühne bringen – “Hamlet”, pardon: “Amleto” von Franco Faccio. Teilweise bzw. nur “halbe Ausgrabung”, da die Opera Southwest die eigentliche Vorarbeit erledigt hatte und Bregenz hier nur noch auf den komfortablen Zug aufspringen musste.

Zugegeben, der Name Faccio dürfte den wenigsten geläufig sein und dies hat meines bescheidenen Erachtens auch seine guten Gründe – später dazu mehr. Der Name des Librettisten ist es, der neugierig macht, hat Arrigo Boito sich doch nicht nur als Komponist, sondern vor allem als Librettist des Verdi-“Otello” unsterblich gemacht. Wie gelingt also die Umsetzung der Shakespearetragödie vom dänischen Kronprinzen ? Vor der Pause bleibt Boito nah am Original, eliminiert gekonnt das Nebenpersonal. Nach der Pause aber bricht die Dramaturgie in sich zusammen – die ganze Schlussszene dauert kürzer als die Wahnsinnsszene Ophelias! Die Yorik-Episode wird kurz angedeutet, aber nicht wirklich ausgespielt. Ein retardierendes Moment jagt das nächste. Offen Fragen bleiben – was passiert eigentlich mit Hamlet nach dem Eklat des Schauspiels ? Mein Anglistenherz blutet ob dieser Hilflosigkeit, von der Raffinesse des”Otello” ist dieser “Amleto” jedenfalls meilenweit entfernt.

Die Musik empfand ich ebenfalls als fragwürdig – im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Partitur klingt im ersten Teil häufig dünn und den ganzen Abend flach. Das Beste sind die Zwischenspiele (marcia funebre). Man lausche allein dem Brindisi zu Beginn – auf Teufel komm raus will Faccio beeindrucken und scheitert damit umso mehr. Es scheint fast, als ob er nie Pulver zum Verschießen besessen hätte. Richtig große Nummer gibt es durchaus, aber die wirken verfehlt – es gibt für mich keine einzige Arie, die ich gerne noch mal gehört hätte – dafür umso mehr, die ich gerne vorgespult hätte. Die ewige lange Wahnsinnsszene Ophelias zum Beispiel. Die bemühte Gertrud-Arie. Das belanglose Sein-oder-Nichstein von Hamlet. Das Gebet von Claudius, das ansatzweise an Filippo aus “Don Carlo” erinnert und wahrscheinlich genau deshalb umso mehr abfällt. Überhaut ist mir an diesem Abend wieder einmal bewusst geworden, was für ein großer Meister Verdi doch war, selbst wenn er nie zu meinen Top Five zählen wird.  Hören Sie mal die Szene mit Hamlet und dem geist seines Vaters in der ARTE-Mediathek an, allerdings ohne Bild. Ich bin bereit zu wetten, dass Sie nicht hören werden, wann der Geist genau in  Erscheinung tritt, so antiklimaktisch tönt das alles, da mag sich Paolo Carignari am Pult noch so mühen.

Die Regie von Olivier Tambosi hat da auch ihren Anteil. Zeitlos präsentiert er das Geschehen, ästhetisch hochwertig-ansprechend aber optisch letzlich doch ermüdend. Besonders leid tut es einem um Pavel Cernoch, der die Titelpartie nicht als “man who couldn’t make up his mind” (Laurence Olivier), sondern als angry young man mit nicht sonderlich italienischem, aber ansprechendem Tenor präsentiert. Warum dieser Hamlet so zornig ist, wogegen er konkret rebelliert – es bleibt im Unklaren. Wenn schon das Werk selbst zu wenig Reibungsfläche bietet, so hätte dies letztlich die Regie bewerkstelligen müssen. Und somit bleiben unterm Strich eindimensionale Charaktere übrig, die ihrer Fallhöhe beraubt wurden. Das hat Shakespeare nicht verdient. “The rest is silence.”

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