I Puritani / Stuttgart (11.7.2016)

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  • July 12, 2016

Es ist noch gar nicht so lange her, da demonstrierten Christenmenschen und AfD-ler Hand in Hand gegen gewisse Inhalte im neuen Bildungsplan, die in anderen Bundesländern schon längst die Regel sind. Nun gilt Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt nicht gerade zu den ausgeprägten Eigenschaften jener Bewohner um Stuttgart herum, deren Menschenschlag Herbert Wehner in seiner rhetorisch unnachahmlichen Weise einmal als “Pietkong” bezeichnete. Nicht allein deshalb haben die Intendanten mit den “Puritanern” eine für ihren Standort treffende Wahl getroffen, denn schon nach ihrer wegweisenden “Norma” und der interessanten “Sonnambula” war klar, dass Bellini an diesem Hause in besten Händen liegen würde

In dem für die Bildsprache von Anna Viehbrock typischen Bühnenbild wird also eine der üblichen Belcanto-Storys über eine scheinbar vom Gatten verlassene Frau erzählt, was Anlass zu zahlreichen Wahnsinnsarien gibt. Das historische Kolorit ist wie so oft bestenfalls als Vorwand zu verstehen – hier ist es eben das puritanische England im 17. Jahrhundert zu Cromwells Theokratie. Davon zeugen auch die historisch angehauchten Kostüme, die bei Arturo fast schon einer Karikatur gleicht. Überall stehe alte Gemälde der abgesetzten (bzw. geköpften) Stuarts. Das Team Wieler/Morabito zeichnet die Elvira als eine sehr kindische, von ihrem Onkel abhängige Frau, die angesichts des allmächtigen Zeitgeistes und der Unentrinnbarkeit der Geschichte nur hoffnungslos auf die Ereignisse  jenseits ihrer Vorstellungskraft – der Bräutigam rettet immerhin die Witwe des geköpften Königs ! – reagieren kann.

Das taugt gut für zwei Stunden Spielzeit. Dummerweise ist diese Bellini-Oper besonders lang und hat, um mit der “Ariadne” von Strauss/Hoffmannsthal zu sprechen, “Längen, gefährliche Längen”. Ein paar Striche hätten der Aufführung gut getan, mit fast 190  Minuten reiner Spielzeit zeiht man fast schon mit “Tannhäuser” gleich. Diese Längen resultieren unter anderem auch von der Besetzung der Elvira. Ana Durlovski, die Brenda Rae Stuttgarts, ist natürlich ein Gewinn für ein Ensemble, das steht außer Frage. Aber wenn ich an die bisher einzig andere besuchte Aufführung dieses Werks zurückdenke, dann ist Durlovski eben nur solide Hausmannskost. Gut, der Vergleich mit Edita Gruberova von vor zehn (oder waren es noch mehr?) Jahren mutet beinahe unmenschlich an, aber all das Erstaunen, das Fast-Vergessen zu Atmen angesichts der An- und Abschwellenden Töne, der Verzierungen, der makellos in  den Raum projizierten Spitzentöne von damals, es wollte sich einfach nicht einstellen. Hinzu kommt, dass das Timbre von Frau Durlovski einfach nicht mein Fall ist. Da kann sie freilich nichts dafür. Dennoch wurde die Stimme technisch solide geführt, aber  für all die nötigen Verzierungen der Wiederholungen – die hier ja nicht gestrichen wurden – fehlt es an Gestaltungswillen oder – kompetenz, wenn nicht gar beidem. Von einem ganz anderen Kaliber war hingegen Edgardo Rocha als Arturo, übrigens der einzige Gast in dieser Produktion.  Rocha besitzt ein Timbre, das mir ideal erscheint – nicht zu schwer, aber über Donizetti auch schon raus. Stabile Mittellage ohne baritonales Fundament (das sollen Heldentenöre haben, bei Belcanto brauche ich das nicht), Lehrbuchlegato und exzellente Spitzentöne, auch wenn das tückische hohe f am Schluss nicht in Angriff genommen wird. Fulminant! Gezim Myshketa leiht dem Nebenbuhler Riccardo einen imposanten, geschmackvollen Bariton, der nur im Forte für meinen Geschmack etwas zu sehr ins Wabern gerät. Adam Palka gibt den Onkel Elviras mit einer beeindruckenden Bass-Autorität – angesichts gerade einmal 33 Lenzen eine vielversprechende Visitenkarte, die da abgegeben wurde.

Nun darf nicht vergessen werden, dass diese Oper keine klassische Titelfigur besitzt, sondern eben der Chor. Und der ist in Stuttgart, man muss es immer wieder sagen, exzellent – ins szenischer wie vokaler Hinsicht. Eindruck macht erneut Giuliana Carella, dessen “Rigoletto” an gleicher stelle vor zehn Tagen also keine Eintagsfliege war. Carella holt aus der eher zweidimensionalen Partitur raus, was rauszuholen ist und ich denke, dass es für das Orchester und Dirigenten spricht, wenn ich diese musikalische Leistung aus dem Graben als um einiges nachhaltiger als das vor drei Tagen gehörte “Rheingold” in Karlsruhe empfunden habe. Hier versteht man sofort, was Wagner an Bellini fand……

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