Die Walküre / Baden-Baden (10.7.2016)

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  • July 10, 2016

Vor wenigen Tagen prangte noch das Konterfei Jonas Kaufmanns auf der Homepage des Festspielhauses – angesichts der Popularität beim Publikum und des Debüts als Siegmund auf deutschem Boden eine durchaus angemessene Wahl. Leider scheint die Absagequote Kaufmanns in Baden-Baden höher als am Heimatort München zu liegen- wenn auch nicht so problematisch wie in London. Folglich zeigte die Homepage wenig später das Bild Valery Gergievs. Vorbildlich daher die Informationspolitik des Festspielhauses, den Austausch bereits einen Tag vorher auch per E-Mail an die Kundschaft zu kommunizieren und verständliche Frustration ein wenig zu entschärfen.

Am Donnerstag flog man auf den letzten Drücker Stuart Skelton ein, der musste aber zwei Tage drauf wieder als Tristan in London auf der Bühne stehen und kam somit als erneuter Ersatz nicht in Frage. Man griff auf Andreas Schager zurück, mittlerweile Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper, rising star unter den Heldentenören und aufgrund seiner vorherigen Zusammenarbeit mit Gergiev (Siegfried und Tristan in Petersburg) bereits mit dem russischen Maestro vertraut. Den entschuldigenden Unterton in der Ansage von Hausherrn Andreas Mölich-Zebhauser vor der Aufführung zum Besetzungswechel hätte es nicht gebraucht, denn Schager schlug ein wie eine Bombe. Der Tenor des Österreichers klingt etwas heller und heldischer als der Kaufmanns, was in dem riesigen Haus gewiss kein Schaden darstellt. Seine Herangehensweise ist ganz direkt, ohne doppelten Boden. Dieser anti-intellektuelle Siegmund steht seinem unbekümmerten Sohn weitaus näher als seinem dauerbetrübten Göttervater. Wenn Schager singt, dass “die Sonne neu lacht”, dann hört sich das auch genauso an. Er rückt einzelne Wörter in den deklamatorischen Bereich (“Schande ihm, der das Schwert mir schuf”) und erreicht in meiner Wahrnehmung vollständige Rolleninterpretation – trotz Notenständers und bereitgestellter Partitur. Die Wälserufe sind von eruptiver Kraft, die Winterstürme ausreichend lyrisch. Da der Siegmund kein Liederabend ist, geht das aber voll in Ordnung. Seine “bräutliche Schwester” gibt Eva-Maria Westbroek in der besten Verfassung, in der ich sie je gehört habe. Ängstlich-zurückhaltend zu Beginn, am Ende des ersten Aktes euphorisierend. Die Mittellage klingt warm und die bei ihr manchmal gefährdete Höhe ist stets sicher. Im zweiten Akt hören wir eine an die Hysterie grenzende Sieglinde, die ausreichend Kraft für ein bewegendes “hehrstes Wunder” besitzt. Ihren Ehegatten gibt Mikhail Petrenko ohne die übliche Rabenschwärze, aber bedrohlichem Unterton. Sein “Wölfling” klingt herrlich süffisant, das “der gleißende Wurm glänzt auch ihm aus dem Auge” angstvoll-bangend.

Angesichts des umwerfenden ersten Aktes verwundert es nicht, dass die Spannung ein wenig abfiel. Das lag bestimmt nicht an der souveränen Fricka von Ekaterina Gubanova, und nicht einmal an Evelyn Herlitzius. Nach ihrer desaströsen Isolde in Bayreuth hatte ich mir ein Herlitzius-Sabbatical auferlegt und hatte den ganzen Abend über nichts zu meckern. Freilich, das klirrende Timbre, die spitzen Höhen (die in dieser Partie nicht so schwer wiegen), die Tendenz zur Vokalverfärbung ist nicht verschwunden, um das klar und deutlich zu sagen, aber die Mittellage klingt rund voll und ihr Spiel ist wie stets engagiert. Keine Brünnhilde für den Plattenschrank, aber eine Brünnhilde für die Bühne. Das genaue Gegenteil von ihr ist ihr Vater, der Wotan von René Pape. Auf ihn hatte ich mich am meisten gefreut, und von ihm wurde ich – das muss ich leider so offen sagen – am meisten enttäuscht. Auch wenn dieses Wort angesichts des hohen Niveaus aller beteiligten eigentlich unglücklich gewählt ist. Pape ist bereits vom Auftritt her ein distinguierter, reservierter Wotan. Das ist diskutierbar. Weniger diskutierbar ist, dass sich Pape stets hinter seinem Notenpult verschanzt, dabei die vielen Versuche seiner Kollegen, ihn an ihrem Spiel zu beteiligen, abprallen lässt und stattdessen sein Ding durchzieht. Klar, es ist eine konzertante Aufführung, aber doch keine Studioaufnahme! Zu seinem Ding gehört auch das exzessive Berühren der Nase (Nervosität ?) und Abtupfen des Schweißes mit Taschentuch. Pape singt von allen Beteiligten am meisten auf Linie – man könnte beinahe von einem Belcanto-Wotan sprechen. Die Tiefe klingt – wenig überraschend – sonor, die Höhe ist solide. Allein am Ende geht ihm ein wenig die Puste. Aber die emotionale Fallhöhe dieses Charakters bleibt in der Tiefebene. Einzig sein zweites “Geh” drückt Aggressivität aus, aber so typische Stellen wie “Nur eines will ich noch, das Ende” oder “und das ich ihm in Stücke schlug” singt er genauso stimmschön wie seinen Abschied von Brünnhilde. Ein Bühnentier wie Herlitzius konnte einem da eigentlich leid tun. Es ist ein Wotan für den Plattenschrank, nicht für die Bühne.

Respekt an die Musiker, dass sie das erratisch anmutende Dirigat von Valery Gergiev durchschauen und umsetzen konnten. Das Rudern und Zucken mit Armen, Händen und Fingern inklusive zischender Geräusche machte es schon dem zuschauer nicht leicht. Umso faszinierender, dass Gergiev sich nie auf Kosten der Sänger profiliert. Er fängt den davongeeilten Schager im Wälse-Monolog wieder ein und macht es Pape durch ein für den Hörer unvermittelt anziehendes Tempo leichter, die Ziellinie zu erreichen. Hervorheben möchte ich, dass ich trotz der eher gedehnten Tempi – sonst nicht mein Fall – nie gelangweilt war. Das Pfund, mit dem dieses Orchester wuchern kann, ist die hervorragende Streichergruppe – gehetzt das Vorspiel im ersten Akt, todtraurig und gleichzeitig trostspendend bei der Todesverkündigung. Besonderes Lob an das Cello – dieses Solo habe ich lange nicht mehr so herzzerreißend gehört. Die Bläser zeigen vor allem im wuchtig vorgetragenen Walkürenritt ihre Stärke.

Diese “Walküre” war wahrlich ein Wunderwerk und eine große Freude. Auch ohne Jonas.

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