Das Rheingold / Karlsruhe (9.7.2016)

  • 2
  • July 9, 2016

“Alles was ist, endet”. Gott sei Dank!

Nach über zehn Jahren wagt man sich in Karlsruhe erneut an einen Ring. Nach der verunglückten Vorgängerinszenierung von Denis Krief, die sich in erster Linie durch ihr IKEA-Sperrholzambiente auszeichnete, entschied man sich, den Ring dieses Mal vier Regisseuren anzuvertrauen. Ist nichts Neues, aber das macht ja nichts. Die wenigsten Regisseure haben ausreichend Pulver für die vier Abende zu verschießen und angesichts des langen Entstehungszeitraums gibt es ausreichend Brüche, welche diese Konzeption sinnvoll begründen.

Für den Vorabend wählte man nun David Hermann. Und anstatt dieses “Rheingold” bis ins kleinste Detail auseinander zu nehmen, inszeniert er parallel gleich den restlichen Ring gleich mit. Ab der zweiten Szene erscheinen als Statisten die Wälsungen, Siegfried, Gibichungen, etc. und erzählen parallel im Zeitraffer die verbleibenden Abende gleich mit. Allein Wotan, so schien es mir, kann diese Abläufe sehen. Das passt an manchen Stellen richtig gut, z.B. wenn Alberich bei seinem Fluch den stummen Hagen ansingt oder parallel zum Mord an Fasolt auch Gunther stranguliert wird. An manchen passt es vorne und hinten nicht – es ergibt einfach keinen Sinn, dass bereits Siegfried Mime verprügelt oder Walhall am Ende brennt, wo Wotan doch triumphierend in die Götterburg einzieht. Die Warnung Erdas vor dem Ende der Götter, sonst ein Höhepunkt, wird hier überflüssig. Es beißt sich auf jeden Fall mit dem Libretto und auch der Partitur. Es scheint so, als ob Herr Hermann noch nie etwas von Leitmotiven gehört hat, so konsequent ignoriert er sie (Stichwort: Schwertmotiv). Diese Ignoranz – oder ist es doch Arroganz ? – wäre fast bewundernswert, wenn die eigentliche Geschichte – zur Erinnerung: man spielt “Rheingold”-  ordentlich erzählt würde. Wird sie aber nicht. Leerlauf an zu vielen Stellen. Rossinis boshaftes Diktum, Wagner habe schöne Momente und schreckliche Viertelstunden, bewahrheitet sich hier in szenischer Weise auf eklatante Weise. Dabei gibt es auch hier ein paar  nette Ideen – so zündet Wotan z.B. erst den Schwedenofen an, um Loge per Feuer herbeizuzitieren. Der Korrektheit halber sei angemerkt, dass meine Meinung nicht deckungsgleich mit der des Publikums war. Die Buh-Fraktion, zu der ich mich zählte, war deutlich kleiner als die der Bravo-Rufer.

GMD Browns Dirigat war das schwächste seiner bisherigen Wagner-Interpretationen. Zumeist plätscherte alles ganz beiläufig, ordnungsgemäß vor sich hin, als handle es sich um einen Filmsoundtrack. Es wäre nicht einmal so, dass das Dirigat schlecht wäre – es ist eigentlich noch schlimmer, weil es die vielleicht zu großen Hoffnungen nach Browns fulminanten “Tristan” regelrecht enttäuscht. Es ist ein wenig so, als hätte ein Sternekoch die besten Zutaten, mit denen er nichts anzufangen weiß und die er ohne Vorstellung und ohne richtige Dosierung in einen Topf wirft und schaut, was am Ende dabei rauskommt. Der zynische Biss, die intellektuelle Aggressivität der Partitur versickert dabei auf dem Grund des Rheins.

Leider ist auch in vokaler Hinsicht kein Goldesfund zu vermelden. Man merkt manchen Sängern hinsichtlich des Agierens auf der Bühne sehr wohl an, ob sie bereits Rollenerfahrung gesammelt haben, zu sehr lässt sie die Regie im Stich. Zur Gruppe der “Erfahrenen” zählen Sänger wie Roswitha Müller als niemals giftige, aber stets pointierte Fricka, der erfahrene Kammersänger Klaus Schneider als mitleiderregender  Mime und der wie stets quirlige, wortdeutliche Matthias Wohlbrecht als Feuergott Loge. James Edgar Knight präsentiert als Froh vielversprechendes Tenormaterial, rollendeckend grob der Donner von Seung-Gi Jung. Die Riesen sind eher kleinstimmig (Avtandil Kaspeli als Fafner) und ohne Sehnsucht nach der großen Liebe (Yang Xu als Fasolt). Agnieszka Tomaszewska als Freia bleibt arg blass, Ariana Lucas als Erda fehlt es an Ruhe in der Stimmführung obgleich das Timbre einnehmend ist. Bei den Rheintöchtern überzeugen Stefanie Schäfer und Uliana Alexyuk mit wahrem Schönklang, leider jedoch nicht Katherine Tier, welche die Floßhilde mit einer scheppernden Fricka verwechselt, die sie in der Wiederaufnahme nächste Spielzeit auch in Angriff nehmen möchte. Nicht nur im direkten Vergleich zu seinem fulminanten Sachs fällt der Wotan von Renatus Meszar stark ab – zu unruhig, zu wenig sonor klingt der junge Göttervater. Seinen beiden “großen” Soli werden so ziemlich verschenkt. So erbringt Jaco Venter als Alberich die beste Leistung des Abends – mit stets aggressivem Unterton singt und spielt er diesen Zwerg mit Minderwertigkeitskomplex.

Hätte David Hermann den gesamten Ring inszenieren dürfen, so hätte man sich nach diesem “Rheingold” eigentlich die drei weiteren Teile (und viel Geld) sparen können. Angesichts der Aufteilung des Rings besteht allerdings berechtigte Hoffnung, dass es mit der “Walküre” bergauf geht.

Nachtrag: der Honigsammler sieht vieles ähnlich: https://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2016/07/wagner-das-rheingold-09072016.html

Share Button
(Visited 361 times, 1 visits today)