Rigoletto / Stuttgart (1.7.2016)

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  • July 2, 2016

Es gibt so Werke, die verweigern sich Neudeutungen beharrlich. Wird doch eine gewagt, dann wirkt sie oft umso eindrücklicher. Die Hannoveraner “Traviata” war für mich so ein Beispiel. Der Stuttgarter “Rigoletto” – wie so oft vom Hausherren-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito in Szene gesetzt – versucht ebenfalls eine wirkliche Neudeutung der Victor Hugo-Vorlage, kann aber nur ansatzweise überzeugen.Der Grundgedanke: der Herzog ist eigentlich nichts weiter als ein Schürzenjäger, der eigentliche “Bösewicht” ist der gehässig-sadistische Hofnarr, Gilda lebt als Junge verkleidet im Untergrund und malt politische Flugblätter, etc. Das gibt einige interessante, neue Einblicke – so ärgert sich Rigoletto weniger über die Entführung seiner Tochter als dass diese nun im schicken Abendkleid Gefallen an der high society findet. Die Rückkehr Gildas im dritten Akt, nun erneut als Junge verkleidet, ist somit verständlicher und auch politisch zu deuten. So weit, so gut. Allerdings hakt es mehr als einmal mit der Logik. (Oder ich bin zu blöd, es zu verstehen.) Wenn Rigoletto wirklich ein Revolutionär ist – so deute ich zum Beispiel sein Mao-Kostüm im dritten Akt – warum arbeitet er dann für genau die Institution, die er so verachtet ? Warum ist er der Schlimmste von allen ?

Giuliano Carella beginnt die Ouvertüre mit einem sehr breiten Tempo – die Posaunen künden bereits hier Untergangsstimmung. Den ganzen Abend über leitet er souverän und macht aus dieser Musik, die an zweitklassigen Häusern oft als Soundtrack für Pasta-Werbung dienen könnte, ein Musikdrama, das Wagner in wenig ähnelt und in wenig nachsteht. Auch das Ensemble kann sich hören sehen lassen. Mit dem Alto Stine Marie Fischer als Maddalena und dem für diese Rolle fast schon verschenkten Liang Li als Sparafucile ist das Gangsterpaar ungemein präsent. Atalla Ayans Tenor wird mittlerweile in der Höhe etwas dünn, das “H” ist trotzdem sicher. (Etwas Höheres als das tiefe “D” beim “Possente amor” wäre natürlich wünschenswert gewesen.) Das Objekt seiner Begierde singt die Rumänin Mirella Bunoaica überaus ansprechend und sattelfestem hohes “Es” im Racheduett. In stimmlicher Hinsicht unorthodox besetzt die Titelpartie mit Markus Marquardt. Die Stimmführung (und dann und wann auch die Aussprache) ist doch etwas zu deutsch, aber die nahezu animalische Herangehensweise an diesen Prüfstein für Baritone hat etwas Atemberaubendes.

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