Tosca / München (25.6.2016)

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  • June 26, 2016

Auftakt der Opernfestspiele mit der einer fulminanten Besetzung: Harteros, Kaufmann und Terfel in den Hauptrollen und Petrenko am Pult. Kann da noch was schiefgehen ? Ja, durchaus….
Vorweg gesagt: nicht viel. Das Hauptproblem bleibt die ästhetisch abstoßende (graue Backsteinkirche, Bodenbelag im Palazzo Farnese, eine an einen Mittelmeerhafen erinnernde Engelsburg) und dramaturgisch fragwürdige Inszenierung von Monsieur Bondy: kein Cavaradossi dieser Welt würde einen betenden Mesner zu Boden stoßen, kein noch so schlechter Scarpia benötigt drei leichte Damen zu Beginn des zweiten Aktes um dessen Abgründe zu verdeutlichen. Und gab es jemals einen antiklimaktischeren Auftritt von Scarpia als in München ? Ignoriert man den wild herumhampelnden und humpelnden Spoletta (Kevin Conners) und den rhythmisch unsauberen Mesner (Christoph Stephinger), dann bleiben immer noch drei Top-Stars übrig, der Rest ist, seien wir ehrlich, Salatbeilage.

Bryn Terfel ist ein “klassischer” Scarpia – er spielt mit Genuss auf der Klaviatur der Macht. Von lammfromm über bärbeißig bis hin zu animalisch-aggressiv kann er sowohl darstellerisch als auch stimmlich jeden geforderten Zwischenton abrufen. Selbst beim “Te Deum” bleibt Terfel ungemein präsent. Trotzdem glaube ich, dass bei einer “klassischeren” Restbesetzung noch mehr an Auseinandersetzung und Konfliktdarbietung möglich gewesen wäre. Insbesondere Jonas Kaufmann ist hier als phasenweise autistisch anmutender Cavaradossi zu nennen. Natürlich knallen die “Vittoria”-Rufe bombensicher. Die Bildnisarie hat Schmelz (das sehr lang gehaltendes “tu” am Ende war besonders schön) und Schmalz. Aber von den drei Hauptpartien ist er mit Abstand der passivste, was sich schmerzlich im dritten Akt bemerkbar macht. Das “E luccevan le stelle” begann verhalten, bleibt verhalten, endet verhalten. Viel Schönklang und wenig Ausdruck – im Gegensatz zu Wien gibt es hier nicht einmal Szenenapplaus, von Zugaben ganz zu schweigen. Vom Timbre her ist Kaufmann halt Kaufmann, man mag es oder eben nicht. Szenenapplaus kann zumindest Anja Harteros nach einem hinreißend vorgetragenen “Vissi d’arte” einheimsen. Im ersten Akt beginnt sie auch etwas zurückhaltend – die exaltierte Sängerin nimmt man ihr nicht so richtig ab. Auch im zweiten Akt leistet sie Scarpia wenig Widerstand – erst im dritten Akt sehen wir eine Diva, larger than life. Und wir hören eine kluge Sängerin, die bestimmt keine “typische” Tosca ist, sich aber die Partie so schlau zurecht legt, dass man nie, nie den den Eindruck hat, sie müsse sich die Partie klug zurecht legen. Den Harteros’schen Sopran zu loben, hieße Eulen nach Athen zu tragen, aber eine so außergewöhnlich anmutige, warme, samtige Stimme ist kostbar und möge uns lange erhalten bleiben.

Bliebe noch Kirill “Messias” Petrenko am Pult. Im Vergleich zu seiner atemberaubenden “Frosch” oder dem äußerst differenzierten “Ring” ist diese “Tosca” doch eine Niveaustufe niedriger anzusiedeln. Alles solide, gute Details, gewiss. Aber Weltklasse klingt dann doch anders und hat vor allem mehr Drive.

Fazit: trotz aller Kritikpunkte eine stimmungsvolle “Tosca”!

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