Carmen / Frankfurt (5.6.2016)

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  • June 6, 2016

“Schlimm, diese Inszenierung. Das ist meine erste Carmen mit einer Micaela ohne blonde Haare….”

Tja, wenn Sie der bornierte Herr hinter mir waren, dann tun Sie mir einfach nur leid. Ernsthaft. Ich kann jeden der hörbaren Buhrufer verstehen, der sich mit der unorthodoxen Perspektive auf das ausgelutschte “Carmen”-Sujet nicht anfreunden konnte oder wollte, aber mal ehrlich: hätte man Karen Vuong BdM-Zöpfe ans Haupt tackern sollen ? Da hätte man doch schon eher kritteln können, dass nach der apart vorgetragenen Erzählung von der Frau Mutter im ersten Akt nach der Pause die Höhe etwas unsicher und erkämpft war, oder ? Und Daniel Schmutzhards Escamillo war in stimmlicher Hinsicht auch nicht gerade ein besonders potent…. Man hätte auch die Entscheidung kritisieren können, die Dialoge durch die eingespielte “Stimme Carmens” zu ersetzen, aber angesichts der hölzernen Art vieler Opernsänger hinsichtlich gesprochener Dialoge war ich auch hier nicht einmal unfroh. Auch bei der Wahl  der “kritischen Ausgabe von Michael Rot für die Frankfurter Produktion eingerichtet von Constantinos Carydis” könnte man insofern beklagen , dass die Habanera in dieser Form weniger effektiv und das Couplet des Morales nicht besonders nötig  war. Geschenkt.

Man hätte auch bemängeln können, dass ausgerechnet der umjubelte Joseph Calleja, der hier sein szenisches Debüt als Don José gab, etwas blass blieb. Das mag womöglich auch der hyperaktiven Regie geschuldet sein, aber trotzdem nimmt der Malteser mit einer resignierend vorgetragenen Blumenarie und einem intensiven Schlussduett für sich ein. Das schnell anspringende Vibrato mag nicht jedermanns Sache sein – mir hat es erneut gut gefallen.  Äußerst passend hingegen die Besetzung der Titelpartie mit Paula Murrihy. Passend deshalb, weil hier kein “Rasseweib”, sondern eine nachdenkliche, manchmal fast verhaltene Carmen zu sehen und zu hören war. Kein “brustiges” Vibrato, sondern ein fast schon weißes Timbre bildet ein korrespondierendes Pendant zur Sicht des Regisseurs auf diese femme fatale.

Und da wären wir bei Barrie Kosky. Den schillernden Intendant der Komischen Oper Berlin mit diesem Repertoire-Klassiker zu betrauen, war für Bernd Loebe eine vergleichsweise riskante Entscheidung, wenn man bedenkt, wie selbstgefällig-nichtssagend die meisten Frankfurter Inszenierungen mittlerweile geworden sind. (Zur Erinnerung – zu Loebes Anfangszeiten durfte noch Tilmann Knabe ran. Lang ist’s her….) Wer nun ist diese Carmen ? Da schon erwähnte “Rasseweib”, ein männermordender Vamp oder gar ein Produkt unserer Fantasie ? Für Kosky ist Carmen alles und nichts. Bei der Ouvertüre sehen wir sie noch in einem klassischen Torerokostüm – bei ihrer Habanera erscheint sie jedoch in einem Gorillakostüm (!) und wandelt sich sukzessive in eine Businessfrau im Hosenanzug. Damit dürfte nun keiner gerechnet haben – und so spielt Kosky dauerhaft mit der Erwartungshaltung im Publikum. Im ersten Akt gibt es kaum eine Möglichkeit zum Applaus, so nahtlos sind die Übergänge, während im zweiten Akt dein ein Showstopper den nächsten jagt. Spätestens hier wird der Sinn der riesigen Treppe, die nahezu das ganze Bühnenportal einnimmt, deutlich. Dieses Einheitsbühnenbild wird ohne irgendwelche Requisiten bespielt und man muss Kosky allein deshalb hohe Könnerschaft attestieren, da zu keinem Zeitpunkt die Abwesenheit einer Zigarettenfabrik, einer Taverne oder einer Schlucht auffällt. Nebenbei – die Einsamkeit Micaelas habe ich selten so passend gesehen wie hier, als Vuong allein auf der weiß ausgeleuchteten Bühne ihr Arie vorträgt. Kosky bindet das gesamte Ensemble choreographisch mit ein und verdichtet die Handlung somit ungemein, ein besonderes Lob geht hier an die Tänzer. Auch hier schreckt Kosky nicht vor Slapstick zurück – aber mal ehrlich: hat diese Schmugglerszene nicht auch irgendwie etwas Absurd-Komisches an sich ?

Spätestens hier muss auch das Orchester unter der Leitung von Constantinos Carydis erwähnt werden. Mir persönlich war die Ouvertüre zwar ein wenig zu schlagzeuglastig und dann und wann hätte dem Dirigat etwas mehr Tempo gut angestanden, aber ich habe selten so viel Offenbach in einer “Carmen” gehört. Das ist ungewohnt, da der dramatische Zugang somit ein wenig verweigert wird, aber diese durchaus leichte, manchmal fast schon humorvolle Herangehensweise hat etwas Besonderes, das man so nicht alle Tage hört. Respekt!

Aber keine Sorge, spätestens am Ende gibt es dann ein umwerfendes Bild, als Carmen mit einem schwarzen Kleid und riesiger schwarzer Schleppe erscheint. Don José wird sie an dieser Schleppe festhalten – genauso, wie er es im ersten Akt mit einem Seil getan hatte. Nur ist hier von Anfang an klar, dass es jetzt blutiger Ernst sein wird. Und kaum ist Don José verschwunden und lässt die tote Carmen im Lichtpegel liegend zurück – da steht sie einfach auf und zuckt kurz mit den Schultern. Dieser Carmen kann man einfach nicht beikommen. Grandios.

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