Turandot / Stuttgart (31.5.2016)

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  • June 2, 2016

Konzertanten Opernaufführungen haftet häufig der Ruf des Halbgaren, des faulen Kompromisses an. Gleichwohl gibt es nachvollziehbare Gründe, Opern ohne szenischen Rahmen zu präsentieren – unter anderem dramaturgisch schwache oder selten gespielte Werke. Nun handelt es sich bei der “Turandot” um keines von beiden, aber selbst dann lässt sich damit argumentieren, eine auf den musikalischen Effekt hin konzipierte, gut geprobte  Aufführung ohne Schlamperei des Repertoirebetriebs ermögliche ein neues Hörerlebnis. Nun, bei der “Turandot” der Stuttgarter Philharmoniker traf auch dies nicht zu. Schade, dass man sich für das traditionelle Alfano-Ende entschloss – wäre das selten zu hörende Berio-Finale nicht eine mutigere Wahl gewesen ?

Wie dem auch sei, lässt man all die genannten offenen Fragen außen vor, dann konnte man eine auf Effekt getrimmte Interpretation des letzten Werks von Puccini vernehmen. Dan Ettinger, frisurentechnisch mittlerweile beim Weißblond angelangt, interessiert sich wenig für die Modernität der Partitur, sondern vielmehr für deren Theatralik – da man merkt ihm seine langjährige Erfahrung als Mannheimer GMD durchaus an. Der gerierte Breitwandsound hat zugegebenermaßen aber etwas Einnehmendes, nahezu Überwältigendes. Ettinger reizt bei der Lautstärke aus, was machbar ist, ohne dass es unangenehm laut wird – eine Qualität, die er in Mannheim zu wenig zeigen konnte. Sein Orchester folgt ihm willig und mit bemerkenswerter Spielkultur. Auch den Sängern bereitet diese Herangehensweise wenig Probleme und danken es Ettinger mit mustergültigen Darbietungen. Ermonela Jahos Liu bewegt von der ersten Minute an mit einem warmen, frei strömenden Sopran und verinnerlichter Tongebung. Freilich ist die Liu der Publikumsliebling, aber hier liegt dies eben nicht nur am dargestellten Charakter, sondern an der Musikalität der Sängerin. Marco Bertis wuchtiger Tenor wird in der Höhe etwas eng und klingt phasenweise zu Beginn einer Phrase etwas quäkend, beeindruckt aber durch schiere Kraft und Legatokultur. Sicher nicht die raffinierteste Darbietung, aber eine, die sich in den musikalisch vorgegebenen Rahmen perfekt einfügt. In der Titelpartie gab es eine Umbesetzung: eine “Lebensmittelvergiftung in Wladiwostok” hatte Maria Guleghina außer Gefecht gesetzt. An ihrer statt bot man Lise Lindstrom auf – und ich habe nicht das Gefühl, dass dies eine Verschlechterung darstellte. Ganz im Gegenteil – sie liefert sich mit Berti ein eindrucksvolles Duell/Duett über/mit hohen C’s, kann aber innerhalb weniger Augenblicke von eiskalt auf angsterfüllt umschalten. Diese Turandot ist kein männerfressendes Monstrum, sondern letztlich ein ängstliches Wesen, das am Ende nicht erweicht, sondern vielmehr die Angst ablegt.

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