Werther / Ulm (28.5.2016)

  • 2
  • May 29, 2016

Schade – da hat man zwei wirklich hervorragende Sänger an der Angel und den “Mut”, ein für Ulmer Verhältnisse vergleichsweise unbekanntes Werk wie den “Werther” zu spielen und dann….. ja, dann kam der Sache eine Regisseurin und in gewisser Hinsicht auch ein Kapellmeister in die Quere.

Vor allem Antje Schupps Sichtweise macht den ersten Teil des Abends nahezu ungenießbar. Respekt, das muss man auch erst mal hinbekommen. Irgendwie spielt die Handlung in einer Art (Film-)Studio, jedenfalls wird Werther vor seiner ersten Arie noch schnell gepudert und mit Requisiten ausgestattet. Im Laufe des Abends hüllt er sich wie ein trotziges Kind in einen Hermelinmantel, dann taucht er mit einer Plastikmaske eines nicht identifizierbaren Comic-Helden auf und schneidet Grimassen. Nicht zum Aushalten. Später darf er dann – oh, nein, wie provokant – dem Jesusbild den Stinkefinger zeigen. Gleich zweimal übrigens, dass es auch der Letzte merkt. Erst nach der Pause gibt es dann etwas Ruhe und auch überraschend starke Bilder, wie die von den Liebesbriefen im wahrsten Sinne des Wortes überhäufte Charlotte. Diese wiederum ist bereits im ersten Bild äußerst paarungswillig, bis ihr die angebahnte Ehe mit Albert einfällt. Merkwürdig. Dabei ist dieses Werk ja nicht wirklich komplex – es reicht eigentlich eine Regie, die die Charaktere ernst nimmt und den Gefühlsüberschwang in szenische Bahnen zu lenken vermag.

Das Dirigat von Joongbae Jee ist hingegen ereignislos, die Partitur wird beamtenrechtlich korrekt verwaltet. Gefühlswallungen werden zumeist durch Crescendi angestrebt, musikalisch jedoch kaum erreicht. Dass dem Orchester jegliches Verständnis für die französische Idiomatik der Orchestersprache abgeht, war schon nach der verwaschenen Ouvertüre deutlich.

Und so ist es also den Sänger zu verdanken, dass ich die Segel nicht schon in der Pause gestrichen habe. Eric Laporte in der Titelpartie ist erneut absoluter Glücksgriff für dieses kleine Haus. Sein Französisch ist exzellent, die Interpretation eher im italienischen als dem französischen Fach zu verorten, klingt aber gleichwohl mustergültig. Er deckt die gesamte Gefühlspalette ab und liefert das ab, was die Regie verweigert. I Chiao Shih steht dem Kanadier in nichts nach – ihre Charlotte zeichnet sich durch einen wunderbar dunkel timbrierten Mezzo aus, der jedoch mit den Höhen keine Probleme hat. Kwan-Keun Lees Albert und Edith Lorans’ Sophie sind ordentlich. (Allerdings klingt letztere nicht nach einer Manon Lescaut, die im September ansteht.)

Share Button
(Visited 93 times, 1 visits today)