Die Meistersinger von Nürnberg / München (26.5.2016)

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  • May 27, 2016

Das Vorspiel der “Meistersinger” begann mit einer handfesten Überraschung – statt des erwarteten “Sommernachtstraum” vernahm man in den ersten Minuten tatsächlich das vielzitierte “Stahlgewitter in C-Dur”. Spätestens beim Beckmesser-“Motiv” (ich weiß, der Begriff passt hier nicht wirklich) erfolgt dann eine Kehrtwende um  180 Grad, als man in den Holzbläsern einen Klangteppich voll Schabernack vernehmen kann. Kirill Petrenko, der in München mittlerweile kurz vor der Seligsprechung stehen dürfte, entscheidet sich einfach dafür, die ganze Bandbreite der Interpretationen auszuspielen und sein Orchester folgt ihm mit atemberaubender Präzision und Leidenschaft. Besonders den Parlandoton trifft er dabei vorzüglich – und mit 77, 56 und 112 Minuten dürfte es sich um die flottesten “Meistersinger” handeln, die seit langem zu hören waren.

So umwerfend das Dirigat auch war, so enttäuschend und nichtssagend empfand ich die Inszenierung von David Bösch. Das wie stets dunkle Bühnenbild erinnert wenig an ein Nürnberg irgendeiner Epoche und viel an die vorherigen seiner Produktionen. Das wäre an sich nicht einmal tragisch, wenn er die bühne mit Leben ausfüllen könnte. Kann er aber nicht – und man merkt genau, wer der Sänger bereits vorhandene szenische Erfahrung einbringen konnte und wer nicht. Nach einem ersten Akt mit angezogener Handbremse folgt ein zweiter Akt, den ich noch nie so langweilig empfunden habe. Tiefpunkt des dritten Aktes ist dann die Ansprache Evchens ans Sachs, als Bösch Stolzing einfach in den Bühnenhintergrund laufen und dort Kippen drehen lässt. Das grenzt dann fast schon an Kapitulation. Am Ende dämmert es Bösch dann doch, ein bisschen zu wenig gemacht zu haben und überdreht dann völlig: Beckmesser im Netzhemd und  Glitzerjacket, der am Ende Suizid begeht; ein in den Siegerpokal kotzender David oder tuntig tanzende Cheerleader-Lehrlinge braucht es ebenso wenig wie den fünfmal wiederholten Gag mit dem Scheinwerfer oder den Stromschlägen im ersten bzw. dem Glitzerregen im zweiten Akt. Kurzum: all der Zauber aus dem Graben, er wird überdeckt durch eine Regie, die den Namen eigentlich nicht verdient hat.

Letzten Endes leiden darunter auch die Sänger, bei denen man über einzelne Geschmackspräferenzen diskutieren, deren überragende Qualität jedoch nicht abstreiten kann. Eike Wilm Schulte kehrt nach Jahren als Beckmesser als pedantischer Kothner zurück, Christof Fischesser zelebriert den Pogner mit profundem Bass, Okka von der Dameraus Magdalene klingt mit ihrem runden und weichen Mezzo statt der eigentlichen “Jungfer” eher wie Evas ältere Schwester, die von Sara Jakubiak mit kräftigem und jungmädchenhaftem Charme dargeboten wird. Benjamin Bruns’ David besitzt ob seiner Spielfreudigkeit und stimmlichen Wendigkeit bereits jetzt Referenzcharakter, Markus Eiches Beckmesser ist mit kernigem Bariton eine hörbare Gefahr für den Junker Stolzing, den der Lokalmatador  Jonas Kaufmann ohne den sonst so gaumigen Klang zelebriert. Dass sein Tenor so dunkel timbriert ist, bleibt für mich weiterhin Geschmacksfrage – aber auch hier wäre jede Kritik unangebracht. Von der Textunsicherheit der Premiere war nichts mehr zu vernehmen. Bliebe noch Wolfgang Koch in seiner Signaturpartie. Auch wenn sein Sachs an manchen Stellen erstaunlich nach Alberich klingt und optisch eher an einen verwahrlosten Philosophieprofessor erinnert, so vermittelt er doch ein ganzheitlich überzeugendes Bild des weisen Schusters. Muss man bei den beiden großen Monologen klanglich ein paar Abstriche in Kauf nehmen, gleicht er dies mit einer intensiven Textgestaltung doppelt und dreifach wieder aus.

Was bleibt also von diesen “Meistersingern”? Sicher die Erkenntnis, dass auch die gelungenste musikalische Umsetzung wenig bringt, wenn sie von einer nicht vorhandenen Regie ad absurdum geführt wird. Es wäre schön, wenn man auch an der Bayerischen Staatsoper in szenischer Hinsicht wieder etwas (nur etwas!) mehr Mut beweisen könnte. Calixto Bietos Deutung der “Juive” in einem Monat kann in jedem Fall nur besser werden.

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