Das Liebesverbot / Strasbourg (17.5.2016)

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  • May 18, 2016

Irre, wer hätte gedacht, dass Richard Wagner so viel Humor und soviel Esprit besitzt ? Weltschmerz, Welterklärungsversuche, die ganz großen Gefühle, die ganz großen Brocken, logisch. Drunter hat es der Sachse nicht gemacht, jedenfalls nicht in seinem Bayreuther Kanon – gäbe es da nicht seine “Jugendsünden”, so in etwa das Pendant zu Verdis “Galeerenjahren”.Im Shakespearejahr hat die Opéra national du Rhin die “Maß für Maß”-Adaption auf die Bühne gebracht und damit einen Volltreffer gelandet. Daran hat natürlich in erster Linie das Werk Anteil, in welchem schon Melodien aus dem eigenen, wenn auch späteren “Tannhäuser” zu hören sind – aber eigentlich auch Rossini, Lortzing, Offenbach und Belcanto. Eine Mischung, die sich nur auf Papier merkwürdig liest, aber im Ohr klasse klingt. Vor allem, wenn ein so präziser, umsichtiger Dirigent wie Constantin Trinks am Pult steht und der Partitur trotz ihres italienischen Einschlages einen leicht dunklen, teutonischen Klang verleiht. Man fühlt sich (fast!) dazu berufen, John Dew dafür zu danken, seinen ehemaligen GMD aus Darmstadt geekelt und ihn einem größeren Publikum bekannt zu machen.
Dieses Ensemblestück ist durch die Bank weg gut besetzt: Benjamin Hulett als eleganter Luzio sowie Thomas Blondelle als leicht heldischer aber eben auch sehr wendiger Claudio in den Tenorpartien, Agnieszka Slawinska als zurückhaltend-verinnerlichte Mariana und Hanne Roos als spritzige “sex on legs”-Dorella im Sopran sowie Wolfgang Bankl als letztlich doch liebenswerter Brighella – im Gegensatz zu seinem Herrn Friedrich, den Robert Bork eher poltrig angeht. Über all dem kront die Isabella von Marion Ammann, welche die Partie mit Lenore-artiger Inbrunst und Koloraturgewandheit meistert.
Dass der Abend ein so großer Erfolg war, dürfte an Mariame Cléments locker-leichten, aber nie anbiedernden Regie liegen. Sie versetzt die Handlung in ein Wiener Kaffeehaus, das vielfältig bespielt werden kann, so verwandeln sich unter anderem Tortenvitrinen in Gefängniszellen. In der großen Karnevalsszene gibt es dann den großen Aufmarsch der bekannten Wagnerfiguren: die Rheinnixen, Wotan, Lohengrin, ja sogar der Drache Fafner erscheinen zum großen Finale.
Wenn man es also recht bedenkt: waren es nicht unsere eigenen Jugendsünden, die am meisten Spaß gemacht haben, selbst wenn nicht alles gelungen war ? Strasbourg hat jedenfalls ein überzeugendes Plädoyer für Wagners Frühwerk abgegeben. Bleibt die Hoffnung, dass Frau Clément mal an die “Meistersinger” ran darf. Auch wenn selbst die nicht so spaßig sind. Obwohl, wer weiß…….?

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