A Streetcar named Desire / Koblenz (14.5.2016)

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  • May 15, 2016

Das Theater Koblenz hatte ich lange Zeit nicht auf meinem Schirm. Warum, das kann ich auch nicht sagen – ich wusste nur, dass es das Theater ist, das seine Spielplanvorschau lange vor allen anderen veröffentlicht. Als Tennessee Williams-Verehrer war für mich aber der Besuch der Vertonung durch André Previn eines dessen Klassiker, im Deutsche unter dem Titel “Endstation Sehnsucht” geläufig, fast schon Pflicht.
Man kann darüber streiten, ob Koblenz das richtige Haus für ein solches Werk ist. Mit 500 Sitzplätzen und offensichtlichem kleinem Orchestergraben ist das Haus schon allein ob seiner “Größe” am Rande der möglichen Umsetzbarkeit angelangt. Indem man das Orchester aus die Hinterbühne verbannte und das Einheitsbühnenbild bis in den Zuschauerraum hineinragen ließ, schlug man gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche: Zum einen überrollt das Orchester die Sänger zu keinem Zeitpunkt, alle können sich wunderbar auf die Sprachmelodien einlassen und – so weit möglich – textverständlich kommunizieren. Zum anderen wird somit eine Unmittelbarkeit hergestellt, die fast schon voyeuristischen Charakter aufweist. Manchmal war mir in der ersten Reihe fast schon unwohl, so direkt wurde hier gespielt. Fernab jeglicher artifizieller Opernattitüde wurde hier der Plot auf schmerzhaft naturalistische Weise auf die bühne gebracht – auch wenn das Ambiente der Wohnung und des Stadtviertels für meinen Geschmack immer noch ein wenig zu gehoben abgebildet wurde.
Das Libretto kürzt den Ausgangstext auf eine sinnvolle Weise, ohne dass man das Gefühl hat, etwas wesentliches zu verpassen. Die Partitur hat nur ganz wenige Längen, lässt sich gut anhören, besitzt ausreichend jazzigen Charakter, aber auch musikalische Inseln für kürzere Arien. Der Vergleich mag vielleicht hinken, aber von der Struktur erinnerte mich das Werk diesbezüglich an das “Rheingold”. Bravo für den Dirigenten Enrico Delamboye und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie.
Regisseur Markus Dietze hat die Charaktere genau beobachtet und analysiert – kein Wunder, dass sie alle glaubwürdig erscheinen. Juraj Hollý überzeugt mit biegsamen Tenor als Mitch, Irina Marinaş beweist mit ihrem lyrischem Sopran, dass die Rolle der Stella zwar schüchtern, aber gar nicht so unscheinbar ist, wie sie im Schauspiel oft zu sehen ist. Michael Mrosek reicht optisch nicht an Marlon Brando heran, aber er macht trotzdem verständlich, was Stella an diesem brutalen Stanley eigentlich findet. Herrlich, wie sich sein kraftvoller Bariton mit dem Südstaaten-Sound mischt! Kerrie Sheppard ist für meinen Geschmack etwas ältlich in der Rolle der älteren Schwester von Stella. Ihre Blanche hat fast schon etwas Mütterliches. Auch in stimmlicher Hinsicht merkt man ihr an, wie “verlebt” dieser Charakter ist. Die Beschwörung “I want magic” klingt somit weniger verzaubernd als beschwörend. Darstellerisch trifft sie genau den richtigen Ton: arrogant und trotzdem bemitleidenswert.
Nach der Pause hatte sich der eh schon kleine und nicht volle besetzte Saal zusätzlich geleert. Woran das gelegen haben mag, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Es war ein großer Abend und genau so wie Oper sein muss: unmittelbar, direkt, ergreifend.

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2 Comments

  • Margarethe Nichting says:

    Sehr geehrter Verfasser, wir teilen diese Auffassung nicht ganz. Wenn eine Sängerin es schafft gute drei Stunden quasi dauerhaft auf der Bühne präsent zu sein, dann muss man sagen dass sie alles richtig gemacht hat. “Auch in stimmlicher Hinsicht merkt man ihr an, wie “verlebt” dieser Charakter ist” …. was bitte ist das für eine Formulierung ?
    Eine Stimme muss nicht jedem gefallen, aber Frau Sheppard hat sie ganz in den Dienst der Rolle gestellt, wenn Sie d a s meinen, dann gebe ich Ihnen recht. Dass Herr Mrosek kraftvoll und viril klang, mag damit zu tun gehabt haben, dass er offenbar seine Rolle nicht gelernt hatte und wirklich permanent auf den Bildschirm starrte und seine Kollegen so schob, dass er ihn gut sehen konnte. …..HErzliche Grüße

    • admin says:

      Sehr geehrte Frau Nichting,

      ich bedanke mich für Ihren Kommentar. Zu Ihren beiden Punkten folgende Anmerkungen meinerseits:

      1. Frau Sheppard als Blanche: Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Sie der deutschen Sprache mächtig sind und verzichte folglich auf den Eintrag beim Online-Duden zu “verlebt”. Offensichtlich stören Sie sich an der Wortwahl. Halten wir fest: diese Blanche trinkt unentwegt Alkohol (man würde das heute wohl als “Spiegeltrinkerin” bezeichnen) und hat einen hohen Männerverschleiß. Das trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf, finden Sie nicht? Allerdings, und hier setzt meine Kritik an Frau Sheppard an, ist diese Blanche immer noch Stellas ältere Schwester und nicht deren Mutter. Sie hat zudem etwas Flatterhaftes, Verletzliches – im Original wird sie auch als “Motte” bezeichnet. (Mir ist entgangen, ob diese stelle auch im Libretto enthalten war.) Und genau dieses Flatterhafte, das hat mir bei Frau Sheppard gefehlt, dafür klang sie mir tatsächlich ein wenig zu schrill. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder Frau Sheppard KANN gar nicht anders singen oder sie hat sich bewusst dazu entschlossen, die Partie ABSICHTLICH so zu gestalten. Egal, wie man es nimmt, es entspricht nicht meiner (und wohl auch nicht Williams’) Vorstellung von der Rolle. Hat Frau Sheppard ihre Sache trotzdem wirklich gut gemacht. Klar. Aber bei Williams bin ich eigen, da habe ich sehr festgefügte Vorstellungen.

      2. Zu Herrn Mrosek als Stanley: Verstehe ich Sie richtig, dass Herr Mrosek kraftvoll und viril klang, weil er seine Rolle nicht gelernt hat, auf den Bildschirm gesehen hat und seine Kollegen weg schob ? (Denn das haben Sie genau so geschrieben.) Falls ja, dann bedanke ich mich für diesen Gesangshinweis für meine morgige Chorprobe. Ich lerne einfach den Text nicht, starre auf einen Bildschirm und schubse den nervigen Tenor vor mir weg. Ich berichte Ihnen dann, ob ich besser als sonst klang.

      Mit den besten Grüßen,
      Florian Kaspar