Les pêcheurs de perles / Nancy (6.5.2016)

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  • May 7, 2016

Sie sind selten geworden. Diese Abende, die man eigentlich ohne Einschränkungen auf Tonträger verewigen könnte, ohne dass ein Tonmeister zuvor herumpfuschen muss. Ein solcher Abend war gestern in Nancy zu erleben – ein wahre musikalische Perle wurde da an Tageslicht gefischt. Das fing schon im Orchestergraben an, wo Rani Calderon nicht der Versuchung erlag, den überschaubaren Exotismus der Partitur nicht aus dem Ruder laufen zu lassen und diese eigentlich umwerfende Musik ohne Umschweife ins Herz zu lenken. Ein Dirigat, das in jedem Takt das französische Idiom zelebrierte – genauso wie der Chor.

Edgardo Rochas Nadir ist vielleicht ein wenig kleinstimmig, aber dafür ungemein frei in der Höhe – sein frei fließendes “Je crois entendre encore” war Gänsehaut pur. Vannina Santoni überzeugt schon ob ihrer physischen Zerbrechlichkeit als Leila, die ganz offensichtlich gegen ihren Willen zur Tempelpriesterin geweiht wird. Ihr warm-weicher Sopran ist sowohl in der Mittellage als auch den höheren Gefilden vorbildlich geführt. Herausragend der stimmstarke, jedoch nie polternde Jean-François Lapointe als autokratischer  Zurga – sein Duett mit Rocha war folglich auch der Höhepunkt des Abends.

Zugegeben, “Perlenfischer” sind in dramaturgischer Hinsicht kein besonders großer Wurf geworden. Man muss Regisseurin Emmanuelle Bastet dazu gratulieren, ebenso wie der Dirigent auf Pseudo-Hinduismus zu verzichten und die Geschichte in einem ganz heutigen Umfeld zu erzählen, ohne dabei jedoch die Poesie auszublenden. Hier ist sie jedoch optischer Bestandteil der emotionalen Parallelwelt des Liebespaares und wirkt somit noch eindrücklicher. Und dann gelingt Bastet tatsächlich, so etwas wie dezente “Islamkritik” zu äußern, ohne aus der Mücke gleich einen Elefanten zu machen.  Diese “Perlenfischer” sind somit in jeder Hinsicht ein großer Fang!

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