“Hat man nicht auch Gold beineben….”

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  • April 28, 2016

Hat man nicht auch Gold beineben
kann man nicht ganz glücklich sein;
traurig schleppt sich fort das Leben,
mancher Kummer stellt sich ein.

In der Haut von Peter Spuhler möchte ich momentan nicht stecken. Nicht weil ich dann immer noch Intendant eines Staatstheaters wäre, das ich am liebsten schon verlassen hätte. Auch nicht, weil nach internen Machtkämpfen mit und über den Verwaltungsdirektor meine autokratisches Gebaren öffentlich wurde. Nein, weil die Stadt Karlsruhe den Gürtel enger schnallen und ich nun schauen müsste, wie ich das nun irgendwie gebacken bekäme. Die Drohung Spuhlers, eine ganze Sparte zumachen zu müssen, steht immerhin im Raum. Guter Rat ist teuer. Was also tun ?

Die üblichen Weltuntergangsszenarien sind bereits gedruckt, auf Blogs diskutiert (http://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2016/04/zuschukurzungen-am-badischen.html#more), die online-Petitionen im Netz und die Empörung über den wahrhaftig bösen Kahlschlag enorm. Und trotzdem – sind Einsparungen in Höhe von 1,6 Millionen Euro wirklich ein Ding der Unmöglichkeit ? Ich möchte mich nicht in den so bequemen wie unterstützungswürdigen Kreis der Sparkritiker einreihen, sondern vielmehr Überlegungen anstellen, wie man dem Spardiktat nun ganz praktisch begegnen könnte. Dazu sei vorab gesagt: ich bein kein Betriebswirt. Meine Überlegungen sind Überlegungen und nicht mehr. Ein Milchmädchen hat vielleicht mehr ökonomischen Sachverstand als meine Kalkulation. Trotzdem – hier ist sie:

1.Einnahmen: 

a) Eintrittspreiserhöhung

Der Karlsruher Zoo erhöht bereits zum Juni spürbar seine Preise, warum also nicht auch das Theater ? Mannheim erwirtschafte vor fünf Jahren (laut Wikipedia) 8,6 Millionen Euro – ich gehe in Karlsruhe jetzt einfach mal von einem ähnlichen Betrag aus. Eine Erhöhung der Preise um 20% entsprächen ziemlich genau den geforderten 1,6 Millionen – vorausgesetzt, die Besucherzahlen blieben konstant. Das ist schwer zu prognostizieren, aber würde eine Erhöhung von, sagen wir mal, 10% ein Drama darstellen ? Wenn man für die teuerste Karte für eine Oper werktags statt 39 tatsächlich 43 Euro bezahlen müsste ? Dann hätte man das eingesparte Geld schon zur Hälfte wieder drin. Nun sind Eintrittspreiserhöhungen nie beliebt und bei einem gebürtigen Schwaben wie mir schon mal gleich dreimal nicht. Aber wann, wenn nicht jetzt, könnte der grüne Peter (Spuhler) den schwarzen Peter (Eintrittspreiserhöhung) bequem dem Gemeinderat zuschieben ? Auch maulige Theaterbesucher wären gerade dann eher bereit, moderat erhöhte Preisen zu bezahlen. Ich ahne aber, was gleich kommt. “Die Studentin mit Migrationshintergrund, die verwitwete Eckrentnerin, die transsexuellen Rollstuhlfahrer, die…..” Klar, Theater MUSS auch für zahlungsschwache Kreise erfahr- und erlebbar bleiben. Aber seien wir an dieser Stelle doch mal ehrlich – die meisten Theatergänger sind akademisierter Mittelstand – da muss keine Privatinsolvenz in Betracht gezogen werden, wenn man fünf Mal im Jahr in die Oper geht.

Fazit: vorsichtig geschätzt € 800.000.-

b) Mehr populäre Aufführungen/Inszenierungen/Sinfoniekonzerte

Die Sinfoniekonzerte sind – so jedenfalls mein Eindruck – gut besucht. Kann man manches nicht gleich drei Mal ansetzen ?

Und auch wenn mir “Hänsel und Gretel” verhasst sind, aber neben “Bohème”, “Zauberflöte” und “Carmen” sind es DIE Repertoirehits schlechthin. Es ist löblich, wenn ein Theater innovativ und politisch relevant sein will – was immer letzteres auch konkret bedeuten mag. Aber muss es das auch in dem einen Monaten machen, wo man weihnachtsbedingt mit Kind und Kegel einfach mal nur kitschige Inszenierungen (mit ganz viel Kunstschnee !) sehen will ? Soll man doch vom ersten Advent bis zum Neujahreskonzert einfach das spielen, was die Häuser und somit die Kassen voll macht und danach wieder elf Monate lang die Welt und Flüchtlinge retten….

Und da wären wir schon bei einem Karlsruhe-spezifischen Problem angekommen. Die örtliche “Carmen” ist oft ziemlich voll – aber wird doch so selten gespielt. Warum eigentlich ?  Die “Zauberflöte” regelmäßig ausverkauft obwohl das Bühnenbild klappert und wackelt. Warum eigentlich ? Weil die Menschen einfach Theater lieben. Dann geben wir es ihnen doch ! (Nebenbei: Eine taugliche “Bohème” gibt es nicht wirklich.) Und wenn man eine “Walküre”-Premiere in die Adventszeit legt, folgen probenbedingt sicher auch weitere Schließtage zur Hauptverkehrszeit – Tage, an denen man spielen kann, was man will, und die Leute rennen einem die Bude ein. Es ist ein wenig so, als wenn ein Freibadbetreiber ausgerechnet und ohne Not im Sommer renovieren würde. Macht eben zum Ausgleich ab 6. Januar zwei Wochen Theaterferien wie Heidelberg….. 

Fazit: noch vorsichtiger geschätzt € 150.000.-

2. Ausgaben

a) Junges und Volkstheater

Brauchen wir das wirklich ? Ist ernst gemeint, nicht rhetorisch, diese Frage. Das Junge Theater macht die freie Szene ebenso gut, wie mir von mehreren Seiten berichtet wird. Warum das Theater unbedingt mit den ganzen freien Bühnen in Konkurrenz treten möchte, habe ich nie verstanden. Die zehn wegfallenden Stellen à 40.000 Euro wären für die Betroffenen freilich bitter, belaufen sich aber ohne Einschränkung der Kernsparten auf insgesamt

€ 400.000.-

b) Ensemble statt Gäste

Werfen wir einen Blick nach Mannheim. Die spielen dieses Jahr erneut ihren (fürchterlichen – aber das ist was anderes) “Ring”. Gerade einmal drei der großen Partien werden mit Gästen besetzt (zweimal Siegfried plus Loge). Und in Karlsruhe ? Da muss man ja schon beim “Tristan” auf zwei Gäste zurückgreifen. Auch wenn Melton und Caves sicher nicht die Welt kosten – hätte man einen passablen heldischen Tenor und/oder einen dramatischeren Sopran im Ensemble, könnte man so manches Geld sparen. Man kann in Karlsruhe ja zur Zeit nicht einmal den Don José hausintern besetzen. Einer der beiden Gäste bei der aktuellen Wiederaufnahme ist übrigens Andrea Shin. Der ist letztes Jahre nach Hannover gegangen, wo er sich wohl mehr versprochen hat als in Karlsruhe. So jemanden hätte man halten müssen.

Dazu müsste man aber das Ensemble vergrößern und den  Gästeetat kürzen. Das setzt aber das Vertrauen der politisch Verantwortlichen in den Intendanten, fachliche Kompetenz bei der Auswahl und emotionale Kompetenz gegenüber den Künstlern voraus. Ersteres wie letzteres darf man nach den Enthüllungen der Causa Obermeier zumindest anzweifeln.

Fazit: bestimmt € 130.000.-

c) Händelfestspiele

Nein, keine Sorge. Ich plädiere ausdrücklich NICHT für die Abschaffung der Händelfestspiele. Allerdings haben diese in den letzten Jahren zunehmend reinen Gastspielcharakter erhalten – eine Art subventioniertes Baden-Baden. Ich erinnere mich noch an eine tolle “Ariodante”, wo die Hälfte der Solisten mit Ensemblemitgliedern besetzt wurden. Auch das sollte doch möglich sein – komplette Produktionen einzukaufen wie beim “Arminio” ist bei allem Vergnügen für das Publikum letztlich auch ein Eingeständnis, dass andere es besser können als man selbst. Insbesondere die Einladung von Gastorchestern dürfte nicht billig sein. Kurzum: geht in die gleiche Richtung wie Punkt 2b.

Fazit: 50.000.-

d) DIY

Do it yourself – mach’s selber ! Bei der heutigen Durchsicht der Spielplanvorschau von Braunschweig (ebenfalls ein Staatstheater) für 2016/17 konnte ich feststellen, dass der dortige Operndirektor gleich zweimal selber Regie führt. Irgendetwas sagt mir, dass das unterm Strich allemal günstiger kommt als Regiegrößen einzuladen. An vielen (kleineren) Häusern dürfen Abendspielleiter kleinere Projekte in Angriff nehmen – warum nicht auch in Karlsruhe ? Allerdings gibt es am Staatstheater in der Leitungsebene zur Zeit nur noch Theoretiker und zu wenig Praktiker, denen man eine praktikable, kostengünstigere Regie anvertrauen könnte. Siehe Punkt 2b.

Fazit: 20.000.-

e) Koproduktionen

Frankfurt tut es (“Arabella” mit Göteborg; “Der Sandmann” aus Basel), Mannheim tut es (“La juive” mit Gent) – und Karlsruhe ? Fehlanzeige. Dabei kosten gerade Neuproduktionen das meiste Geld. Koproduktionen mit anderen Häusern würden Abhilfe schaffen und in szenischer Hinsicht disziplinieren – der Karlsruher “Macbeth” hätte es wahrscheinlich nicht einmal in die Probephase geschafft, wäre ein anderes Haus involviert gewesen.

Fazit: sagen wir einfach mal € 50.000.-

Insgesamt komme ich somit auf die genannten 1,6 Millionen Euro. Ist die Mischfinanzierung Land/Kommune gefährlich ? Sollte die Stadt Karlsruhe nicht lieber auf die kostenlose Brötchentaste beim Parkautomat verzichten und somit eine halbe Million Einnahmen gerieren ? Sollte ein Intendant nicht vorsichtiger politisch Stellung beziehen um somit nicht den halben Gemeinderat zu vergrätzen ? Sollte Karlsruhe das örtliche Theater nicht genauso viel wert sein wie der weiß Gott nicht auf Rosen gebetteten Stadt Mannheim ? Von meiner Seite aus jeweils ein klares “Ja”. Hoffen wir, dass die Sache sich in Wohlgefallen auflöst – ähnlich wie beim “Fidelio”. Da taucht zum Schluss ja auch der Minister auf…..

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3 Comments

  • Honigsammler says:

    Vielen Dank für den neuen Blickwinkel durch Ihre Kalkulationen! Am Karlsruher Staatstheater benötigt man etwas mehr Kreativität und eine aufgeschlossene Herangehensweise. 4% weniger Zuschüsse bedeuten nicht die Aufgabe einer großen Sparte. So unschön der Verlust auch ist, immerhin wird neu gebaut und saniert, ein Untergang der Kulturlandschaft Staatstheater steht nicht bevor.

  • Pünktchen says:

    Ääähm, Moment mal… die TEUERSTE Karte kostet 39 Euro? Was für ein Witz. (Sie wissen ja selber, was wir hier in Frankfurt so bezahlen.) Irgendwie drängt sich zuweilen der Eindruck auf, dass die Staatstheater doch ein kleines Bisschen übersubventioniert sind.

  • admin says:

    Werktags – die teuerste Karte WERKTAGS kostete bisher 39 Euro. Ausnahmen: Gala/Premiere/Überlänge.