Der fliegende Holländer / Mainz (16.4.2016)

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  • April 17, 2016

“Auf geb’ ich mein Werk, nur eines will ich noch. Das Ende.”

Falsches Zitat, ich weiß, aber angesichts der gestrigen Holländer-Premiere fällt mir spontan kein besseres ein. Das könnte aber auch daran liegen, dass dieser Holländer in etwa soviel mit einem Holländer zu tun hat wie eine Zauberflöte mit einer Carmen.Wenn ein halbes Dutzend opernkundiger Premierengäste, jeder mit ganz unterschiedlichen ästhetischen und vokalen Ansprüchen, beim abschließenden Umtrunk “Was war das denn ?” fragt, keiner zur Ehrenrettung der Regie oder der Sänger einspringt, dann muss schon etwas ganz gehörig schief gelaufen sein. Anselm Dalferth lässt in Akt I und II eine das ganze Bühnenportal füllende, ins Auditorium geöffnete Häuserfassade fast bis zum Orchestergraben nach vorne fahren. In diesen einzelnen Räumen lässt er dann einen Großteil des Abends einzelne Sänger häufig isoliert singen. Das hat phasenweise fast konzertanten Charakter und kann man auch auf CD haben. Da klingt es allerdings meist besser, denn die Architektur der Räume ist in akustischer Hinsicht oft nicht besonders vorteilhaft, so manche Phrase wird im Nichts verschluckt. Allerdings wage ich zu behaupten, dass der Daland von Hans-Otto Weiß auch auch unter besseren baulichen Bedingungen kaum weniger muffig und intonationstrüb geklungen hätte.

Unklar bleiben somit auch das Verhältnis der Charaktere untereinander. Dass der Steuermann (Steve Ebel mit leicht heldischem, aber auch hartem Tenor) während seines Liedes Krimskrams wie eine aufblasbare Sexpuppe (“Ach liebes Mädel, blas noch mehr) verkauft: pubertär. Dass er Senta bei der Rückkehr bedrängt: unverständlich. Mary (Katharina von Bülow) erleidet einen Nervenzusammenbruch, als ihr Feuerzeug nicht funktioniert – klar: dann muss Senta ihre Ballade singen. Wobei “singen” es hier nicht so richtig trifft – “abmühen” wäre besser. Dabei schlägt sich Linda Sommerhage gar nicht mal schlecht, wenn man bedenkt, dass sie auf dem Papier ein Mezzo ist. In ihrer Vita liest man von einer Brangäne, Dorabella, Wellgunde – und das noch vor zwei Jahren. Falls es sich hier um einen Fachwechsel handeln sollte, dann sollte man das Besetzungsbüro wegen Verletzung seiner Fürsorgepflicht verklagen – hat denn keiner gehört, dass die Stimme in der Höhe oftmals spitz-säuerlich klingt ? Dass die Stimme nur unter immensem Druck anspringt ?  Der Erik von Alexander Spemann ist der übliche Jammerlappen – durchaus rollendeckend. In der Kehle liegt ihm die Partie nicht wirklich (dafür hat er zu häufig den Tristan und Tannhäuser gemacht) – auch er muss arg drücken, aber nach seinem enttäuschenden Zwerg vor einem halben Jahr eine spürbare Verbesserung. Im direkten Vergleich schneidet Derrick Ballard in der Titelrolle somit noch besser ab – er hat alles, was man braucht: profunde Tiefe, sichere Höhe, makelloses Legato und eine bemerkenswerte Textverständlichkeit. Der einzige Grund, die Aufführung nicht schon während des dritten Aktes zu verlassen – denn die kultisch anmutende Anbetung von Goldbarren – die Damen und Herren vom Chor sind in weiße Umhänge gehüllt – geleitet vom Steuermann mit Swarowski-Maske dürfte den Tiefpunkt des Abends darstellen. Das kann nicht einmal der Tod Sentas unterbieten. Hier wird ein riesiges Herz herabgelassen, das Senta mit einem Pfeil durchbohrt und dann zu Boden sinkt (singt). Jo, und das war es dann auch. Hab ich was vergessen ? Ach, ja, das Orchester. War schön laut, Pauken und Windmaschine fast schon penetrant, Hörner relativ oft unsauber. “Ungeprobter Repertoire-Alltag”, würde man sagen, hätte es sich nicht um eine Premiere gehandelt. Stand da wirklich GMD Hermann Bäumer am Pult ?

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