Tristan und Isolde / Karlsruhe (3.4.2016)

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  • April 4, 2016

Die Badische Staatskapelle ist weiß Gott kein schlechter Klangkörper, aber ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, sie jemals in so bestechender Form gehört zu haben. Das Dirigat von Justin Brown hat tatsächlich etwas vom jungen Thielemann:weiß-glühend, warm, unkontrolliert-aufbrausend, stürmisch. Dies gilt gleichermaßen für das dunkle Klangbild der Streicher wie die zahlreichen Soli. Das Englischhorn kann im dritten Akt ja durchaus nerven – hier zerreißt es einem schier das Herz. Und beim Ertönen der Trompete bei der Sichtung von Isoldes Schiff hüpft selbiges vor Freude mit. Unglaublich! Wenn es ein Haar in der Suppe gibt, dann ist es die Lautstärke – bei allem nachvollziehbaren Enthusiasmus im Graben hätten es die Sänger der Titelpartien ihrem GMD sicher gedankt, hätte er sich dann und wann in Zurückhaltung geübt.

Eleazar Rodriguez zeigt sich mit bestens disponiertem Tenor in der Doppelrolle Hirte/Seemann von seiner besten Seite, Seung-Gi Jung eilt im ersten Akt gleich zweimal dem Orchester davon, hat aber ansonsten bestes Material für den Kurwenal. Christina Niessens Brangäne klingt fast heller als ihre Herrin Isolde und kann die Wachrufe im zweiten Akt intensiv gestalten. Zu pauschal (und im dritten Akt viel zu früh einsetzend) hingegen Konstantin Gorny als Marke.

Heidi Melton ließ sich auf einen Zweikampf mit dem Orchester ein, der ihr nicht besonders gut bekam. In der Mittellage strömt ihr Sopran frei, dass es eine wahre Freude ist. In den höheren Lagen gerät sie mehr als einmal in die Bredrouille, insbesondere wenn die exponierten Töne nicht isoliert (“mir LACHT “) am Ende oder in der Mitte einer Phrase liegen. Schon bei der “Beute, die ich ihm biete” zeigen sich erste Schärfen, die den ganzen Abend über immer wieder auftauchen. In meinen Ohren ebenfalls störend bis irritierend der “badische” Akzente (“Überfreschen, für Morolds Tod zu räschen”), den allerdings auch Erin Caves, der Gast aus Stuttgart aufbieten kann. Sein Tristan lässt sich jedoch auf den Wettstreit mit dem Orchester gar nicht erst ein, dosiert überlegt und kann dafür ein paar Phrasen aufbieten, die Referenzcharakter besitzen – sei es das das verbittere “Verflucht, sei furchtbarer Trank” oder das bittersüße “das sag ihm nun Isold'” im Akt zuvor. Unterm Strich bleiben zwei sehr überzeugende Rollenportraits, was auch an der überaus gelungenen  Regie von Christopher Alden, dem flexibel einsetzbaren Einheitsbühnenbild im Stile einer Hotellobby von Paul Steinberg – es dominiert die neue Sachlichkeit – und der magischen Lichtregie (Stefan Woinke) liegen dürfte. Selten hat man im zweiten Akt ein Liebespaar gesehen, das auch szenisch als Liebespaar erlebbar wird – angesichts der Körperumfänge der beiden Hauptdarsteller kein leichtes Unterfangen, das hier aber ohne Peinlichkeit und sehr überzeugend gelöst wurde.  Da nimmt man dann auch gerne in Kauf, dass im dritten Akt die eine oder andere Frage offen bleibt.

Ansonsten: Karlsruhe zeigt sich erneut als erstklassige Wagnerstadt. Das “Rheingold” im Juli kann kommen!

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2 Comments

  • Honigsammler says:

    Bei der Premiere war ich über die sehr gute Aussprache von Melton und Caves begeistert, für mich geradezu textverständlich – wenige Unsauberheiten, ich konnte zuhören ohne mitzulesen (solange Brown die Lautstärke drosselte). Als Schärfe nahm ich Meltons Töne eine Woche zuvor nicht (oder fast nicht) wahr, aber das scheint bei ihr ein wiederkehrendes Problem zu sein, daß sie sich mit viel Körpereinsatz für die hohen Töne vorbereiten muß. Ich kann mich noch gut an eine Neunte Beethovens erinnern, wo sie die Schlußhöhe brutal verriß.
    Am 29.05. singen Stephen Gould, Rachell Nicols und Jan-Hendrik Rootering und ich bin auf die Unterschiede gespannt.
    Welche Inszenierung sprach Sie mehr an: die in Baden-Baden oder in Karlsruhe?

    • admin says:

      Karlsruhe, definitiv.
      Zur Aussprache: da haben Sie recht, die DIKTION der beiden ist löblich, genau deshalb hört man ja die kleineren Unzulänglichkeiten besonders.
      Die Gala würde mich wegen Nicholls reizen, aber Rootering war schon vor zehn Jahren schlimm und Gould habe ich oft genug gehört. In der Summe zu teuer.
      Und da ich Ende des Monats noch im “Tristan” in Kaiserslautern bin, reicht es dann auch mal. Ich hoffe auf eine Wiederaufnahme nächste Spielzeit….