Lohengrin / Ulm (24.3.2016)

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  • March 25, 2016

Chapeau, liebes Theater Ulm. Nachdem ich in den letzten Jahren zwei eher schwache Lohengrin-Aufführungen in der “Provinz” (Würzburg und Pforzheim) über mich habe ergehen lassen, trifft die gestrige Premiere so ziemlich ins Schwarze – beziehungsweise Blaue, denn diese häufig genannte Farbassoziation evoziert auch GMD Timo Handschuh mit einem nahezu perfekt geleiteten Vorspiel zum ersten Akt. Nie klingen die Streicher dünn, keine Wackler, nirgends. Da hat man schon weit hochpreisigere Klangkörper mehr rudern sehen. Allerdings lässt die Konzentration im Graben im dritten Akt dann doch etwas nach – die Patzer im Vorspiel zum dritten Akt und ein falscher Einsatz eines Bühnentrompeters schmälern den gelungenen Eindruck trotzdem kaum. Vielleicht lag es ja auch an der vorgerückten Uhrzeit – einen “Lohengrin” erst um 19 Uhr beginnen (und folglich um halb Zwölf enden) zu lassen, das kennt man eigentlich nur aus südeuropäischen Staaten, nicht jedoch der Schwäbischen Alb.

Operndirektor Matthias Kaiser konnte sich bei der Konzeption wohl nicht so ganz entscheiden, was er eigentlich zeigen wollte. Wir sehen einen Betonbunker, es herrscht Endzeitstimmung. So weit, so nachvollziehbar. Warum aber dann die ans Biedermeier erinnernden Kostüme ? Und was hat der Damenchor in Dienstmädchenuniform  in diesem Ambiente verloren ? Diese Anachronismen lassen sich bei gutem Willen übersehen – aber spätestens mit dem Erscheinen Lohengrins wird die Sache absurd, wenn dieser die Laptops und andere moderne Utensilien anfasst und bestaunt, als stamme er aus einer anderen Zeit. Gleichwohl – Kaiser kommentiert das Geschehen mit wachem Blick: zum einen hindert Elsa Lohengrin nach gewonnenem Gotteskampf am Erschlagen von Telramund, zum anderen will bei vorheriger Ausrufung des Gotteskampfes ein Chorist tatsächlich für Elsa Partei ergreifen, wird aber von seinen Mitstreitern zurückgehalten. Diese Brabanter sind tatsächlich Feiglinge, sie wissen, dass etwas faul in ihrem Staate ist. Im zweiten Akt gibt es eine rundum konventionelle Bebilderung des Gezeigten – man spart zudem nicht an Trockeneis. Zu Beginn des dritten Aktes versucht es Kaiser erneut mit etwas Humor (warum eigentlich ?) und Verrätselung (Elsa ist nach der Brautgemachszene um Jahrzehnte gealtert) bringt am Ende dann jedoch ein böses Erwachen: der zurückverwandelte Gottfried entpuppt sich als Braunhemdträger, der mit abgewinkeltem Führergruß die Soldatenreihe abmarschiert, auch der zurückeilende Lohengrin kann ihn nicht hindern.

Die Reduzierung des Ensembles ermöglicht nunmehr das Engagement spezialisierter Gäste. Guido Jentjens sprang als König Heinrich kurzfristig ein, entledigte sich der undankbaren Rolle jedoch mehr als achtbar. Der tremolierend-wabernde Heerrufer von  Ensemblemitglied Thomasz Kaluszny ist nicht der Rede wert, die ebenfalls undankbare Part des Telramund  bewältigt Kwan-Keun Lee oftmals im deklamierenden Stil. Sabina Martin kann ein ausgesprochen schönes Piano ihr Eigen nennen, allerdings wird die Stimme im Forte schnell hart. Im zweiten Akt trüben einige Intonationsunsicherheiten den Eindruck, im ersten und dritten Akt setzt sie jeweils einmal falsch ein und kann nur durch den Dirigenten wieder auf Linie gebracht werden. In jedem Fall stellt die Elsa für die Schweizerin noch eine  Grenzpartie dar. Ortrud, ihre Gegenspielerin, ist auf den ersten Blick eine ungewohnte Besetzung: letztes Jahr unter anderem Octavian, dieses Jahr neben Radbods Tochter zudem als Zerlina (!) eingeplant. I Chiao Shih dürfte mit dieser Rolleninterpretation nachhaltig auf sich aufmerksam machen. Ein nahezu belcantistischer Mezzo mit topfester Höhe – nicht einmal beim “Fahr heim” fällt sie ins  Schreien, wo so viele andere Rollenvertreterinnen gerade noch heiße Luft produzieren können. Auch an Dämonie fehlt es der Taiwanesin nicht, auch wenn die “entweihten Götter” im direkten Vergleich noch etwas vorsichtig angegangen wurden. In jedem Fall ein Rollendebüt erster Klasse ! Und der Sänger der Titelpartie ? Auch hier merkt man, dass Eric Laporte in seinem bisherigen Sängerleben viel Italienisches gesungen hat – so viel Linie war selten. Die Höhe jenseits des Passagio wird etwas dünn, aber dafür ist hier eine Textverständlichkeit zu vernehmen, welche die Übertitelung eigentlich überflüssig macht. nach seinem Calaf erneut ein noch größerer Erfolg für den Dauergast, der diese Spielzeit noch den Werther und in der Vorschau für 2016/17 gelistet ist. “Manon Lescaut” und “Pique Dame” würden ihm jedenfalls gut in der Kehle liegen.

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