Tristan und Isolde / Baden-Baden (22.3.2016)

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  • March 23, 2016

Humor muss er gehabt haben, der Komponist. Denn wie um alles in der Welt kann man ein Meisterwerk, das an äußerer Handlung geizt, ausgerechnet als “Handlung” deklarieren ? Wie dem auch sei, genau daran haben wohl die meisten Regisseure zu knabbern, wenn sie Wagners “Tristan und Isolde” in Szene setzen. Für Baden-Baden (und in Co-Produktion mit New York, Peking und Warschau später) tat dies Mariusz Treliński – und fand keine so richtig überzeugende Lösung. Die regelmäßigen Projektionen sind willkürlich-rätselhaft und bleiben es. Ein riesiger Kreis (“Ring des Nibelungen”?) mutiert zum Beispiel immer wieder zum Fadenkreuz (ARD-“Tatort lässt grüßen) eines Periskops. Fliegende Möwen oder Wolkenflüge gibt es gleichermaßen in Überzahl. Warum dem so war – keine Ahnung. Und nach einer Weile war es mir auch egal. Das Bühnenbild – insbesondere im ersten Akt – hat gigantische Ausmaße und wird flexibel eingesetzt. Aber auch hier ist immer wieder bei mir der Eindruck, das Gezeigte sei eher Beschäftigungstherapie als Durchdringung dieses so schwer greifbaren Werkes. Es stört mich auch nicht, dass die Handlung in die Jetztzeit, auf eine Art Kriegsschiff bzw. Flugzeugträger transportiert wird. Es ist nur insofern bemerkenswert, als dass das in Regiefragen eher vorsichtig agierende Festspielhaus sich hier sogar relativ viel traut, wenn zum Beispiel im ersten Akt eine (übrigens vollkommen unmotivierte) Geiselerschießung gezeigt wird. Nein, irritierend weil handwerklich schwach empfand ich die Dominanz der düsteren Beleuchtung. Freilich, “Tristan” ist ein “Nacht-Stück”, aber der Gazevorhang verschärft zusätzlich den optisch grobkörnigen Eindruck, der an den Bildschirm eines schlecht eingestellten  TV-Gerätes erinnert. Die Dominanz von Dunkelgrau und Grün bringt im wahrsten Sinne des Wortes zu wenig Licht ins Dunkel. Es fällt im hinteren Parkett schwer zu erkennen, wer da eigentlich von wo singt. Fast wie ein Lichtstrahl wirkt somit die weiße Gala-Kapitänsuniform des König Marke. Nein, in szenischer Hinsicht war das kein erfüllender Abend.

Musikalisch war der Abend allein ob der beiden Hauptdarsteller interessant. Ob beglückend, muss jeder für sich selber entscheiden, aber ich tendiere eher zu letztgenanntem. Die Vertreter der “kleineren” Partien sollen dennoch Erwähnung finden: überaus wortdeutlich und angemessen schleimig im Tonfall der Melot von Roman Sadnik, angemessen lyrisch im Tonfall Thomas Ebenstein als Seemann und Hirt. Sarah Connollys Brangäne empfand ich als ungewohnt hell timbriert, was dem Genuss aber keinen Abbruch tat. Michael Nagy schafft die Quadratur des Kreises, indem er seinen Kurwenal mit ausreichend polteriger Kraft und gleichzeitig vorbildlichem Legato ausstattet. Eine tolle Überraschung der Marke von Stephen Milling. Milling, den ich bisher eher als zupackenden Gurnemanz oder Hunding kannte, zeigt sich hier von einer ungewohnt innigen Seite. Man hört keinen elegischen Liedsänger, der den Monolog in zwölf Minuten Larmoyanz ersäuft, sondern einen älteren Mann, der einen wahren Kampf mit sich austrägt. Bravo! Ebenfalls ein Lob übrigens an den Philharmonia Chor Wien – endlich mal ein Herrenchor, der am Ende des ersten Aktes nicht nur nicht völlig aus dem Ruder läuft, sondern mit militärischer Präzision im Takt bleibt. Faszinierend, wie das klingen kann – sonst kennt man das ja nur von Platte.

Bei der Isolde von Eva-Maria Westbroek handelt es sich formal betrachtet um kein Debüt, aber sieht man von ihrer einzigen Aufführungsserie an der Semperoper vor zweieinhalb Jahren ab (wir erinnern uns an ihren Ausstieg aus der Bayreuther Produktion letztes Jahr), kommt diese Produktion der Bezeichnung “Debüt” doch recht nahe. Die Opernwelt darf froh sein, denn mit Frau Westbroek hat sich ein weitaus bessere Besetzung gefunden, als man sie momentan in Bayreuth hört und hören wird. Damit möchte ich keinesfalls die vorhandenen Defizite ignorieren oder kaschieren. Westbroek hadert mit der Höhe – es wirkt, als würde ihre Stimme an den bekannten heiklen Stellen wie ein Pferd scheuen. Trotzdem singt sie die Höhe jedesmal voll aus. Ob das eine kluge Idee ist, weiß ich nicht – ich würde an ihrer Stelle versuchen, sich diese Töne etwas “Meier”-mäßiger zurechtzulegen. Ihr Vibrato ist mittlerweile ausgeprägter als früher, aber immer noch verkraftbar.  Die Mittellage klingt warm, weich, wundervoll. Ihre Szene mit Brangäne zu Beginn des zweiten Aktes hat man noch nie so ruhig, verhalten gehört. Kein amouröser Furor, sondern fast schon Backfisch-artige Zurückhaltung einer wahren, aufrecht empfunden Liebe. Im Liebestod hat sie dann die nötige Höhe (“Weltatem”) und einen bemerkenswert langen Atem – die “Lust” hält sie sehr lange, obgleich sie nach dem “höchste” keine Zäsur einlegt. Zur Darstellung kann ich angesichts der Lichtverhältnisse nur wenig sagen, gleiches gilt naturgemäß für den real existierenden Rollendebütant Stuart Skelton. Ich hatte den Australier bisher nur als Lohengrin (Baden-Baden), Siegmund (Hamburg) und Parsifal (Zürich) gehört und war etwas skeptisch, wie er diesen Brocken in diesem riesigen Haus wohl bewältigen würde. Ziemlich gut sogar, würde ich sagen, obgleich natürlich noch viel Luft nach oben ist. Dreh- und Angelpunkt dürfte hier die Krafteinteilung sein – selten habe ich einen Tristan erlebt, der bereits vor dem Schlussakt derart in die Vollen ging. Das machte sich dann bereits im Liebesduett (übrigens mit Tag/Nacht-Strich) bemerkbar (“der LIEbe nur…”), als die Stimme kurz wegbricht. Im dritten Akt macht er dann das, was Westbroek bereits vorher hätte tun sollen, nämlich die Höhepunkte der Deliriumsmonologe vorsichtig anzugehen. Das schmälert natürlich den zu erzielenden Eindruck des Wahnsinns, verhindert somit aber gekonnt den drohenden Schiffbruch. Was bereits jetzt für Skelton spricht, ist seine Bereitschaft, den Text zu formen und plastisch zu gestalten. Und natürlich ein angemessen dunkles Timbre, das aber nicht artifiziell (Jonas Kaufmann lässt grüßen), sondern resignativ-melancholisch klingt und perfekt zum Charakter passt.  In einem etwas kleineren Haus und nach ein, zwei weiteren Serien könnte hier ein Tristan für die prestigeträchtigen Häuser herangereift sein, der nicht das Prädikat “Notlösung” verdient. In beiden Fällen hat also das Besetzungsbüro des Festspielhauses einiges riskiert (man hätte ja einfach auf Stemme und Gould zurückgreifen können – das wäre dann gut und vorhersehbar geworden), viel gewonnen und auch weit gereisten Wagnerianern endlich mal eine hörbare Alternative zur weltweiten 08/15-Besetzung geboten.

Gerüchten zufolge ist die Hauptrolle beim “Tristan” übrigens das Orchester. Hier kann man das durchaus sagen – denn die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Simon Rattle unverschämt toll. Das kracht die Trompete im dritten Akt bei der Ankunft Isoldes, man hört die Kontrabässe, wo man sie bisher noch nie hörte, die Flöten sind federleicht, die Hörner butterweich, das Englischhorn ist so perfekt rein strömend, dass es fast untergeht. Rattles Wagner wird ja häufig als “impressionistisch” bezeichnet, aber ich bin mir da nicht ganz so sicher. “Französisch” sicher, allerdings fühlte ich mich gestern weniger an Debussy als vielmehr an Massenet erinnert – ja, in diesem “Tristan” steckt mehr “Werther” als “Pelléas”. Und das hat man auch nicht alle Tage!

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One Comment

  • Schlatz says:

    Schöne und detailreiche Kritik. Ich freue mich schon auf die Berliner Aufführungen nächste Woche. Westbroek mag ich sehr. Bei Skelton bin ich noch skeptisch, lasse mich jedoch gerne ueberraschen.