Pique Dame / Braunschweig (20.3.2016)

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  • March 21, 2016

Zugegeben – eine “Pique Dame” ist nicht so selten auf den Spielplänen zu finden, als dass die weite Anreise von Karlsruhe auf der Hand läge. Allerdings ist “Pique Dame” zum einen ein tolles Stück – das wurde mir nach dem Verlassen des dortigen Staatstheaters wieder einmal bewusst – und zum anderen bot man niemand Geringeres als Dame Gwyneth Jones als Gräfin auf.

Um es kurz zu machen: sie allein hätte die Reise gelohnt. Und trotzdem ist Jones kein künstlerisches Feigenblatt, hinter dem sich die  Produktion verstecken müsste. Ganz im Gegenteil – weder musikalisch noch szenisch. Philipp Kochheim bringt mit Bühnenbildner Thomas Gruber eine imposante, bildmächtige, gegenwartsbezogene Interpretation auf die Bühne, die anspricht und den Zuschauer psychologisch packt. Das Spielcasino und der Park zu Beginn sind hier ein Klub für Neureiche, an dessen Wände Kandinskys neben Monitoren mit Börsenkursen hängen, die Newa und die Lisas Gemach sind ein riesiger begehbarer Kleiderschrank mit Gucci-Couture, dessen Wände wiederum Warhol-artige Portaits von Lenin auf ironische Weise zieren. Das Gemach der Gräfin ähnelt einem alten Speicher voller abgedeckter alter Möbelstücke und einem Filmprojektor, der unentwegt (stumme) Opernszenen mit Gwyneth Jones abspielt.

Da ich bei aller Liebe zu dem Stück mit der russischen Sprache immer wieder hadere, war ich anfangs gar nicht einmal irritiert ob der deutschen Textfassung, die kaum holprig klang. Nein, irritierender fand ich, dass die Chöre und manche Arien dann wiederum doch in der Originalsprache gegeben wurden (die Tomskij-Erzählung beispielsweise), einmal sogar nur die letzen Zeilen des Hermann-Monologs am Ende des allerersten Bildes.

Sängerisch braucht sich Braunschweig übrigens nicht hinter deutlich größeren Häusern zu verstecken: Orhan Yildiz leiht dem Jeletzkij seinen jugendlichen Bass, der sich durch Weichheit und löbliches Textverständnis auszeichnet. Oleksandr Pushniak (Donner im “Ring” 2013 in Bayreuth) verleiht der Aufführung durch eine kraftvoll vorgetragene Gräfin-Erzählung ihren ersten Höhepunkt, Sofiya Palamar  (Polina) besticht durch Wohlklang. Nadja Stefanoff berührt als sehr frauliche Lisa mit ihrem warmen, aber gleichzeitig auch kräftigen Sopran. Dass ihre Liebe zu Hermann (Kor-Jan Dusseljee) nicht sonderlich nachvollziehbar ist, dürfte eher an der Zeichnung seines Charakters als deutlicher Unsympath liegen. Der Holländer besitzt einen für diese Rolle ungewohnt hell timbrierten Tenor, der aber bei aller vernehmbarer Kraftanstrengung nie auch nur an den Rand des Erschöpfungszustandes gerät. Die Pianokultur ist etwas unterentwickelt, die Höhen sind allerdings bombensicher. Den Namen muss ich mir merken! Und Dame Gwyneth ? Nun, sieht man von einer unbestreitbaren Bühnenpräsenz ab, dann bleibt dennoch eine schauspielerische Intensität (man beobachte ihren Todeskampf), eine verletzliche Autorität im Auftritt und eine Stimme, die je lauter sie singen darf, umso präsenter wirken kann. Ansatzweise hört man sogar den legendären “Jones-Wobble“! Ihr “Je crois entendre encore” klingt (abendverfassungsbedingt ?) immer zu Beginn einer Phrase leicht kratzig, aber doch voller bitterer Wehmut und ist somit eine Vorwegnahme ihres Todes.

Adrian Müller leitet das Orchester mit Umsicht. Den Holzbläsern entlockt er teilweise kurios-skurrile, den Streichern dramatisch-warme Klänge. Nur bei den Übergängen dürften die Generalpausen für mein Empfinden etwas kürzer sein. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau und schmälert in keinster Weise den künstlerische Gehalt eine gelungene Produktion, deren Besuch auch ganz ohne walisischen Stargast lohnt – mit diesem jedoch fast zu einer Art Pflichttermin macht. Hingehen !

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