Der Schmuck der Madonna / Freiburg (5.3.2016)

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  • March 6, 2016

Nachdem man in Freiburg (fast – “Tristan” und “Meistersinger fehlen) alle Wagneropern durch hat, konzentriert man sich  an der Dreisam gemeinsam mit dem CD-Label cpo zunehmend auf Raritäten des Verismo. Diese Spielzeit fiel die Wahl auf den “Schmuck der Madonna” des Deutsch-Italieners Ermanno Wolf-Ferrari – nicht nur im Gegensatz zu seinen zahlreichen, heiteren Werken, in denen ein gelassener Parlandoton dominiert ein wahrer Schocker, sondern ein auf Effekt getrimmtes Werk, das es durchaus mit einer “Tosca” aufnehmen kann. Letzen Endes lässt sich die anfangs zudem inzestuös angehauchte Handlung als eine Art Bastard aus “Cavalleria rusticana” (Camorra meets Katholizismus) und “Werther” (pathologische Liebe) skizzieren, im Laufe des Abends hört man dann immer wieder mal “Carmen” (Tarantella) oder auch die genannte “Tosca” (Finale erster Akt) heraus. So weit, so gut. Richtige Kracher oder Höhepunkt-Inseln im musikalischen Sinne gibt es nicht, aber das tut dem Genuss erst mal keinen Abbruch. Womit ich mir deutlich schwerer tat, war das Maß an Tiefenpsychologie in Kombination mit religiöser Symbolik, mit dem das Libretto aufwartet. Und letztlich scheitert genau daran auch die Inszenierung von Kirsten Harms, welche das Stück in einem von schwarz-weißen Gegensätzen dominierten Raum spielen lässt, der Assoziationen an “Die tote Stadt” evoziert, nicht aber an südländische Eifersuchtsdramen. Spätestens im dritten Akt werden dann die Figuren für mich gänzlich unglaubwürdig.

Vielleicht könnte man darüber hinwegsehen. Hinweghören geht schlechter, denn Fabrice Bollon haut im Graben drauf, dass die Schwarte kracht. Nach dem ersten Akt bahnte sich bereits ein Tinnitus an – Gott sei Dank wurde es dann in Akt II und III besser, vor allem die beiden Vorspiele. Gut, geschweige denn überzeugend wurde es diesbezüglich nie. Ich würde das alles gerne noch mal hören – und darum wetten, dass all das Tschingderassabum eigentlich überflüssig war. Besonders die Hauptdarsteller leiden unter dem fast konstant  zu hohen Lautstärkepegel – noch am wenigsten der schmierige, doppelmoralische Mafiaboss Raffaele, gesungen vom Hamburger Hausbariton Kartal Karagedik, der immer wieder auch Zwischentöne sucht und auch findet. Hector Lopez-Mendoza trotzt anfangs noch als liebeskranker Gennaro den Schallwellen – irgendwann im zweiten Akt findet der Tenor die richtige Balance zum Orchester. Darstellerisch ist der Mexikaner bei der Premiere die glaubwürdigste Gestalt auf der Bühne. Elena Stikhina wird vom Publikum am Schluss mit dem meisten Applaus bedacht. Sie hat ihn sich redlich verdient. Aber auch hier hört man viel zu selten Piani  – dabei sind die, welche man zu hören bekommt, wunderschön. Ihr Sopran zeichnet sich ferner durch Höhensicherheit, Flexibilität und ausreichend Durchsetzungsvermögen aus. Ihre Rolle changiert zu arg zwischen dem Freiheitsdrang einer “Rigoletto”-Gilda und einer Carmen. Wer sie wirklich ist, war mir bis zum Schluss nicht wirklich klar – ob die Schuld dem Libretto oder der Regie geschuldet ist, lasse ich an dieser Stelle einfach einmal offen.

 So. Lohnt sich nun die Fahrt nach Freiburg ? Ein klares “Ja” von meiner Seite – einer schwachen Regie und eines zu dominanten Orchesters zum Trotze. Vielleicht spielt sich letzteres ja noch irgendwie ein. Und vom musikalischen Material her ist diese Oper definitiv eine Reise wert.

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