Franco Fagioli / Karlsruhe (22.2.2016)

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  • February 23, 2016

Merkwürdigerweise kam mir beim Verlassen des Badischen Staatstheaters ein “Rosenkavalier”-Zitat in den Sinn, welches den gestrigen Abend bestens zusammenfasst: “Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.”

Die Grenze zwischen objektiver Begeisterung für diesen “Baroque Broadway” und “Fanporn” sind fließend – allerdings halte ich hier meinen Aufwand, beides strikt zu trenne, in Grenzen. Denn warum auch nicht schwärmen über ein formidables Orchester unter engagiert-umsichtiger Leitung (George Petrou) ? Über ein spritziges Vivaldi-Konzert für zwei zwei Soloviolinen, ein ironisch-augenzwinkerndes Hasse-Konzert für Mandoline oder das jazzig angehauchte Fagott-Konzert (ebenfalls von Vivaldi) ?

Und natürlich über den vokalen Solisten ! Fagioli hat Karlsruhe sicher viel zu verdanken – und er zeigt es am Ende auch überdeutlich, als er in Papstmanier den Boden küsst – aber wieviel Freude verdanken wir Karlsruher diesem Ausnahmesänger, dem ersten Countertenor überhaupt, der von der Deutschen Grammophon unter Vertrag genommen wurde. Selbst bei Absenz jeglichen Blechs sticht dieser Abend unter den zahlreichen besuchten Fagioli-Recitals heraus. Weit präsenter, gelöster als noch beim “Rinaldo” vor zehn Tagen präsentierte sich der Argentinier bereits mit dem “Dove sei amato bene” aus “Rodelinda”. Und man meinte bereits hier ob seiner weich-warm flutenden Stimme, die Zeit stünde still. Allerdings nur kurz, denn das direkt im Anschluss darauf gebotene “Vivi tiranno” aus der selben Oper verursachte erste Atemlosigkeit. Beim Publikum wohlgemerkt ! Alternierend zwischen Händel und Vvialdi wechselte Fagoili problemlos zwischen getragenen Larghi und immer absurder ansteigenden Koloraturketten, die kein Ende zu nehmen schienen. Besonders imposant das Ende von “Crude furie” aus “Serse”, als Fagioli innerhalb einer Phrase seinen heldisch auftrumpfenden Counter zu einem erfolgreichen mehroktavigen Sprung ansetzen lässt.

Nach der Pause wird der eingeschlagene Kurs unbeirrt fortgeführt. Ein Höhepunkt jagt den nächsten, was eine Aufzählung letzlich schwer macht. Leider gab es am Ende nur eine Zugabe – aber dafür das von mir heiß geliebte “Dopo notte” aus “Ariodante” – einer Oper, die Fagioli vor sechs (?) Jahren bereits szenisch in Karlsruhe präsentierte und somit auf gewisse Weise Geschichte schrieb. (Mir ist jedenfalls kein Countertenor bekannt, der die ganze Partie bisher gesungen hätte.) Laut aktuellem Stand der Homepage der Agentur müssen sich die Karlsruher bis 2018 gedulden, um Fagioli wieder an ihrem  Haus hören zu können. Wer etwas weiter reisen möchte – und das lohnt sich bei Fagioli in jedem Fall! – der kann dies nach Baden-Baden (Rossini-Konzert im Oktober 2016) bzw. Wiesbaden (“Siroe” im Mai 2017) tun.

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2 Comments

  • Margarete says:

    Ariodante: Andreas Scholl hat vor einiger Zeit den Bertarido komplett gesungen (DVD!) Ich habe das Bedürfnis, Franco Fagioli und andere Solisten nach einem anstrengenden Konzert zu schonen und nicht zu viele Zugaben zu “fordern” – schließlich möchte ich mich an ihm und seiner außergewöhnlichen Stimme noch viele, viele Jahre erfreuen. Aber wie sonst soll man seiner Begeisterung direkt im Konzertsaal Ausdruck verleihen – ein Problem. Ansonsten: Mit allem voll einverstanden, es war einmal wieder ein Traum.
    Liebe Grüße
    Margarete

    • admin says:

      Liebe Margarete,
      der Bertarido ist doch die Kastratenpartie in der “Rodelinda” und nicht “Ariodante”, oder?
      Ansonsten: ja, solange eine Stimme so einzigartig ist, kann ich mit nur einer Zugabe bestens leben.
      Auch Ihnen beste Grüße,
      Florian Kaspar