Oberto / Frankfurt (20.2.2016)

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  • February 21, 2016

Erstlingswerken haftet häufig der Ruf der Zweitklassigkeit an – nicht wenige Komponisten distanzierten sich später von ihren “Jugendsünden” (s. Richard Wagner). Musikwissenschaftler hören vor allem darauf, inwieweit ein solches Werk den Stil der zu diesem Zeitpunkt führenden Komponisten reflektiert und eventuell schon in die Zukunft weist. Diese Musikwissenschaftler und auch alle Opernliebhaber, den all dies herzlich egal ist, kamen beim gestrigen “Oberto” in Frankfurt voll auf ihre Kosten.
Selten habe ich Zuschauer derart engagiert erlebt – der Takt wurde mitgeklopft, dem Nebensitzer anerkennend-freudig zugenickt. Diese Musik des jungen Verdis ist eingängig, aber nicht anbiedernd. Es dominiert das relativ klassisch Arie/Cabaletta-Schema, aber in den Gruppenszenen erahnt man tatsächlich schon die Meisterschaft des späteren Könners. Dass die Musik so überzeugend zur Geltung kam, dürfte auch daran gelegen haben, dass sie konzertant dargeboten wurde. Die Handlung ist dermaßen anti-dramatisch konstruiert, dass jede szenische Aufführung die Musik wohl konterkariert hätte. Ein zweiter Grund für den reinen Musikgenuss ist auch beim jungen Dirigenten Jader Bignamini zu finden. Offensichtlich stimmt das Klischees, dass italienische Wurzeln einem Dirigenten dabei helfen, aus einem Verdi mehr rauskitzeln können als andere. Dieser Verdi klang so gar nicht nach vordergründigem “Hum-ta-ta”, sondern feinfühlig, mit Delikatesse und Dramatik.

Besonder gespannt war ich auf Maria Agresta als Leonora. Der Sopran klingt warm, besitzt ausreichend Agilità, Höhe und Kraft. Eine ideale Mischung für dieses Repertoire! Auch interpretatorisch holt sie aus der Rolle, was man eben rausholen kann. Viele berechtigte Brava-Rufe schon während der Aufführung für sie. Im direkten Vergleich fiel Sergio Escobar als Riccardo ab. Am Anfang irritierte sein etwas gequollenes Timbre und ein Crack gleich bei der ersten exponierten Stelle der Auftrittsarie. Später fing er sich und machte seine Sache wirklich ordentlich – man hatte den Eindruck als sei hier ein viel zu starker Motor in einem zu kleinen Auto eingebaut. In der Titelpartie gab es eine Hausbesetzung: Kihwan Sim ist ein noch zu junger Bass, um den Charakter wirklich glaubwürdig zu verkörpern, aber rein technisch betrachtet war das eine bemerkenswerte Leistung. Besonders gespannt durfte man auf Claudia Mahnke als Cuniza sein. Mahnke, mittlerweile ja aufs deutsche Fach abonniert, zeigte sich von ihrer besten Seite. Sicher, kein “klassischer” Mezzo, wie man ihn im Ohr hat, aber für sich genommen eine vollkommen gültig Herangehensweise. Und ein vollkommener Klang.

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