Arminio (Premiere) / Karlsruhe (13.2.2016)

  • 1
  • February 14, 2016

Wer war dieser Arminuis, der die römischen Truppen im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. vernichtend schlug und die ostrheinische Expansion zum Erliegen brachte ?  Im 16. Jahrhundert galt er als Projektionsfläche für deutsche Protestanten, die in ihrem Hermann einen Vorläufer Martin Luthers im Kampf gegen Rom sahen. Dreihundert Jahre später galt er wiederum als Einiger der deutschen Stämme, in den beiden deutschen Diktaturen wahlweise als Inbegriff arischer Führungskompetenz und Vertreter einer klassenlosen Gesellschaft.
Es ist also weiß Gott nicht an den Haaren herbeigezogen, wenn der umtriebige Max Emanuel Cencic in seiner ersten Regiearbeit das Geschehen in  die französische Revolution versetzt. Es ist allerdings auch nicht sonderlich zielführend, zumal die Germanen hier als Vertreter des Ancien Régime gezeigt werden, die Römer jedoch als Jakobiner. Ich würde wetten, dass die eigentliche Motivation für diesen Zeitsprung die Möglichkeit war, verschwenderische Kostüme und Bühnenbilder zu präsentieren, welche vom Publikum auch überaus goutiert wurden. Cencic ist glücklicherweise keiner jener Sänger, der mit eigenen Regiearbeiten zeigen will, wie “es” “richtig” gemacht wird. Nein, er zeichnet die Charaktere glaubwürdig, ironisches Augenzwinkern inklusive. Bedenkt man, dass “Arminio” nicht gerade Händels populärste Oper war, ist es erstaunlich, wie zügig die fast vier Stunden verflogen. Allerdings hatte daran auch das ruppig-zupackende Dirigat von George Petrou einen gehörigen Anteil. Im direkten Vergleich zu der eher bedächtigen Curtis-Aufnahme auf jeden Fall ein Gewinn !

Sängerisch blieben an diesem umjubelten Premierenabend keine Wünsche offen. In der in stimmlicher Hinsicht eher zurückgenommenen, mehr reflektierend als heldischen Titelrolle hat Cencic die Gelegenheit, seinen eher tiefen Countertenor im besten Lichte zu präsentieren. Vince Yi meistert die extrem hoch liegende Kastratenpartie des Sigismondo, von einem überaus spitzen Hochton abgesehen, bravurös und verkörpert das Knabenhafte des Charakters glaubwürdig. Als dritten Countertenor im Bunde konnte man Owen Willetts als Tullio gewinnen – für mich die Entdeckung des Abends.  Pavel Kudinov gibt den Segeste mit nachdrücklichem Bass. Besonders koloraturengewandt zeigte sich Tenor Juan Sancho als Varo, dem Gegenspieler Arminios – Händel liegt ihm weit besser in der Kehle als die letzen beiden Vinci-Opern. Bei den Damen hören wir Ruxandra Donose als überdreht-angetrunkene Ramise mit solidem Mezzo und Layla Claire als Tusnelda, deren kräftiger Sopran Lust auf Mozart (Elettra, Donna Elvira) macht.

Besser hätten die Händel-Festspiele eigentlich nicht beginnen können. Und man fragt sich in aller Stille, bei aller Freude ob des Gelingens, warum Karlsruhe zunehmend dann am meisten glänzt, wenn das Karlsruher Führungsteam am wenigsten am eigentlichen künstlerischen Enstehungsprozess beteiligt ist.

Share Button
(Visited 213 times, 1 visits today)