Viva la mamma / Ulm (10.2.2016)

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  • February 11, 2016

“Jedes Theater ist ein Irrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!” lautet ein Sprichwort der Theaterleute. Nimmt man die aktuelle Ulmer Produktion von “Viva la mamma” für bare Münze, dann kann man sogar verstehen, dass die Ulmer Rathauspolitik eine Einstellung der Subventionen in Erwägung zieht. Im Stück wohlgemerkt, nicht im realen Leben!
Das Libretto der Donizetti-Oper wurde moderat den lokalen Verhältnissen angepasst: der lokale Musikkritiker Jügen Kanold wird Herr “Zahngold” und der (echte) Regisseur und Intendant zitiert seine eigene Bildsprache (Schlümpfe) in der Endprobenphase einer Oper um Romulus. Hausherr Andreas von Studnitz bringt ein Kaleidoskop klischeebeladener opernschaffender auf die Bühne, dass es nur so kracht: die Koloraturenschleuder-Primadonna (Edith Lorans), die sich weniger für die Konsonanten in ihren Arien als ihre Position beim Schlussapplaus interessiert, ein schwäbisch-grantelnder Komponist (Michael Burow-Geier), die überforderte Regieassistentin (gspielt von der Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt !), die sich den Launen des zynischen Regisseurs (Emanuel Pichler) ausgesetzt fühlt, der wiederum am rebellierend-inkompetenten Herrenchchor verzweifelt, der heillos überforderte Intendant (Joachim Pieczyk) – und natürlich die resolut-dreiste Vorsitzende der Theaterfreunde alias Mamma Agata (Dominik Nekel mit profundem Bass und herrlich verächtlichem Wiener Schmäh), die ihrer verschüchterten Tochter Luigia (Maria Rosendorfsky) zum Durchbruch verhelfen möchte.
Und so geht der erste Akt mit seinen 70 Minuten zügig vorbei. Es überrascht, wie flüssig und punktgenau die Dialoge serviert werden. Respekt ! Da spielt die musikalische Darbietung beinahe eine untergeordnete Rolle. Michael Weiger dirigiert auf der Hinterbühne – und trotzdem gibt es keine Reibungsverluste beim Timing. Im zweiten Teil, der Generalprobe, ist der Tenor (Hans-Günther Dotzauer) abgereist (bei der Putin-Gala winkt mehr Geld und weniger Stress) und wird durch den Bariton-Lover (Tomasz Kaluzny) der Primadonna ersetzt. Im Prinzip sehen wir also einen erneuten Durchgang des ersten Teils – und es dürfte an der Menge des konsumierten Pausenalkohols liegen, inwieweit man dann das Gezeigte noch als Humor durchgehen oder schon als Bauerntheater deklarieren kann. Der gelungene Eindruck des ersten Teils hat sich somit leider bei mir zu schnell verflüchtigt, als dass ich einen Besuch vorbehaltlos empfehlen wollte.

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4 Comments

  • Pünktchen says:

    Vielen Dank für die Besprechung, die mich indess ein wenig verwirrt: gibt es tatsächlich eine Fassung mit gesprochenen Dialogen? Ich kenne die Oper nur als durchkomponiert…

    • admin says:

      Ich bin kein Donizetti-Experte aber so weit ich es überschaue, handelt es sich um eine Art “Opernsteinbruch” – ein Werk, das an die örtlichen Begebenheiten angepasst werden muss, um nicht nur die Opernkenner, sondern auch ein bereiteres Publikum zu erreichen. Das Original hatte wohl keine gesprochenen Dialoge, da haben Sie recht.

  • Pünktchen says:

    “[ … ]ein Werk, das an die örtlichen Begebenheiten angepasst werden muss, um nicht nur die Opernkenner, sondern auch ein bereiteres Publikum zu erreichen.” …

    Das ist zweifelsohne eine mögliche Sicht; andererseits spielten die Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe, stets in der Entstehungszeit, was dem Vergnüglichkeitsfaktor aber keinen Abbruch tat. Auch sind die musikalischen Qualitäten nicht so gering, dass sie nicht genügen würden, das Publikum anzusprechen.
    Vielleicht ist es doch nicht so schade, dass ich die ulmer Fassung nicht sehen werde.

    • admin says:

      Die Ulmer Inszenierung spielte jedenfalls im Hier (Ulm) und Heute (2016). Gesungen wurde übrigens auf Deutsch – und das sehr textverständlich.
      Wie bereits geschrieben: wer die Ulmer “Mamma” verpasst, hat nicht viel verpasst.