South Pole / München (11.2.2016)

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  • February 11, 2016

Waren Sie schon mal in Disneyworld ? Oder meinetwegen nur im Europapark Rust ? Dann kennen Sie bestimmt die ausgefeilten Taktiken der Betreiber, den in Schlangen stehenden Menschen das Warten bei den Achterbahnen zu versüßen oder zumindest zu verkürzen. So oder ähnlich kam man sich bei der letzten Vorstellung der Uraufführungsserie von “South Pole” an der Bayerischen Staatsoper vor. Bereits beim Eingang vernimmt man über die Lautsprecher eisige Windklänge, beim Programmheftestand kann man allen Ernstes Wärmebeutel käuflich erwerben und auf dem Weg zur Galerie kann der Stehplatzbesucher Zwischenstopp bei einem Basislager einlegen. Hat er dann die Galerie erst erklommen, ist der Höhepunkt des Abends bereits erreicht – geographisch und musikalisch gesprochen.

Ich bin bin kein Musikwissenschaftler – mir fehlen die Termini, um das Gehörte angemessen zu beschreiben, zu kategorisieren, angemessen zu bewerten. Zugegeben, als Karlsruher wurde ich in den letzten Jahren mit zeitgenössischer Oper wirklich verwöhnt (“Wallenberg” von Tüür, “Doctor Atomic” von Adams), aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, verdient diese Oper von Miroslav Srnka bestenfalls das Prädikat “Pflichtübung”. Das ist besonders schade, da die Story um den Wettlauf zweier Forscherteams zum Südpol eigentlich alle Ingredienzen zu einem spannenden Stück Musiktheater besitzt. Und mehr als einmal ertappe ich mich während des zweieinhalbstündigen Abends dabei, zu überlegen, was wohl einer der nicht gerade wenigen zeitgenössischen US-Komponisten allein musikalisch  rausgeholt hätte. Nicht einmal eine Art symphonisches Zwischenspiel hören wir, auch kein klassisches Solo – stattdessen ein Klangteppich, der sich in erster Linie durch Farbarmut auszeichnet. (Das passt insofern gut zum Bühnenbild und dem Ort des Geschehens.) Wenn etwas auffällt, dann dass Srnka die Sänger am Ende einer Phrase den Ton besonders lange aushalten lässt. Um Zeit zu schinden ? Ein paar interessante Umsetzungen wie das a capella-Telegraphen-Duett zu Beginn tragen jedoch leider nicht den ganzen Abend. Kirill Petrenko am Orchesterpult dürfte hier am wenigsten ein Vorwurf zur aufkommenden Langeweile zu machen sein.

Vielleicht hätte ein ansprechendes Libretto etwas retten können, aber beide Hauptcharaktere, engagiert gespielt und gesungen von Rolando Villazon und Thomas Hampson, bleiben irgendwie unscheinbar. Was sie zu diesem Höllenritt durch die Eiswüste treibt – Forschergeist, Ruhm, Patriotismus ? – es bleibt nicht nur offen, es wird nicht einmal wirklich angesprochen. Zu allem Überfluss werden auch noch die beiden Frauen der Forscher integriert. Überfluss deshalb, da beide noch unscheinbarer als ihre Gatten auftreten. Eine Komponistin wie Olga Neuwirth hätte dem Librettisten ein solches Werk wahrscheinlich um die Ohren gehauen.

Interessant ist auch, dass das gealterte enfant terrible Hans Neuenfels wohl ohne Reibungsfläche nicht mehr auskommt, um aus einem Werk etwas herauszuholen. Dummerweise ist hier wenig bis nichts zu holen und somit erschöpft sich die Regie im brav-biederen Nacherzählen inklusive ungewollter Heiterkeit beim Erschießen der Transporttiere und dem mehrfachen Sturz in Gletscherspalten.

Was bleibt also vom Abend ? Nun, die Erkenntnis, dass an diesem Abend die Bayerische Staatsoper besonders hinsichtlich des Marketings glänzen kann. Das Kerngeschäft wurde pflichtgemäß erfüllt – mission accomplished.  Leider kommt das Publikum mehr als Scott denn als Amundsen aus der ganzen Angelegenheit heraus. Noch einmal, bei den Opernfestspielen, wird das Werk zu hören sein. Vielleicht hat man sich dann auch kulinarisch auf den Abend eingestellt und kann Feinkost-Käfer dazu bewegen, in der Pause zusätzlich Bio-Tartar von frisch gekloppten Robbenbabys auf geeistem Waltranspiegel an einem Bouquet von Seealgensalat aufbieten. Das wär doch was !

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