Dialogues des Carmélites / München (30.1.2016)

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  • January 31, 2016

Kann man einen “Parsifal” als Atheist verstehen ? Begreift man, was die Karmeliterinnen da besprechen, wenn man an einer höheren Macht zweifelt, ihre Existenz sogar negiert ? Jeder Regisseur, der sichdiesen religiös-metaphysisch angehauchten Werken stellt, kommt nicht umhin, sich dieser Frage zu stellen und dies auf der Bühne sichtbar zu machen.

Dmitri Tcherniakovs Inszenierung bzw. der Kampf um die Deutungshoheit von Poulencs Meisterwerk wird mittlerweile mehr in Gerichtssälen als im Auditorium der Bayerischen Staatsoper ausgefochten – obgleich es nach dem fragwürdig in Szene gesetzten Ende erneut vehemente Buhrufe gab – nicht zu unrecht. Was mich aber mehr störte, war das handwerkliche Unvermögen des Bühnenbilders Tcherniakov, das Geschehen im abgeschlossenen, kaum einsehbaren Holzhaus spielen zu lassen. Erst beim Schlussapplaus konnte man die eine oder andere Nonne zum ersten Mal in “voller Tracht” (die sie hier natürlich nicht tragen – die Handlung spielt sich in einer Art weiblicher Aussteigerkommune im Nirgendwo ab) sehen. Dass die Sängerinnen ihre Rollen glaubwürdig verkörperten, konnte ich in erster Linie an der stimmlichen Gestaltung vernehmen. Zur Personenregie verweigere ich daher jegliche Bewertung.

Stanislas de Barbeyrac gibt den jungen Chevalier de Force, die männliche Hauptrolle – falls man hie überhaupt von Hauptrolle sprechen kann – mit sehr ansprechendem Tenor. Imposant die herbe Mère Marie von Susanne Resmark, die erst am Ende ihre menschliche Seite zeigt, dafür umso bewegender. Sylvie Brunet verkörpert den Todeskampf der Madame de Croissy auf erschütternde Weise. Anne Schwanewilms, die im letzten Jahr die meisten Operntermine gecancelt hat, hat ein weiterhin samtweiches, warmes Timbre in der Mittellage – die Höhe rutscht aber häufig aus dem Fokus. Eine Chrysothemis oder Arabella kann ich mir in diesem Zustand bei ihr nicht vorstellen. Hoffentlich handelt es sich nur um eine vorübergehende Schwäche ! Die Soeur Constance, deren Geschwätzigkeit auch nerven kann, zeichnet Anna Christy auf derart sympathische Weise, dass man nachsichtig mit ihr ist. Und die Blanche von Christiane Karg ? Sie bleibt rollendeckend ein wenig blass, kann aber dennoch in jedem Augenblick die Angt und die Angst vor der Angst beklemmend in Spiel und Gesang umsetzen.

Bertrand de Billy wählte ein romantisch angehauchtes Dirigat, es war wenig von dem analytischen Zugang zu spüren, die der ehemalige GMD Nagano der Inzenierung hat angedeihen lassen. Das Zwischenspiel vor dem szenisch so verunglückten “Salve Regina” klang jedenfalls verdächtig nach Ravels “Bolero”.

Unterm Strich eine wirklich bewegende Aufführung, aller handwerklichen Fehler und eines fragwürdigen Endes zum Trotz.

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