Macbeth / Karlsruhe (23.1.2016)

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  • January 23, 2016

Nach dem äußerst gelungenen “Falstaff” letzte Spielzeit folgte erneut eine Shakespeare/Verdi-Kombination am Badischen Staatstheater. Lohnt sich der Besuch ? Nun, lassen Sie es mich so formulieren: wenn Sie die Wahl haben, in diese Inszenierung zu gehen oder alternativ einer guten Aufnahme zu lauschen während Sie Ihren Kühlschrank beim Abtauen beobachten….dann, ja dann, würde ich Ihnen letztere Option an Herz legen.So, und jetzt ganz ohne Scheiß: diese Inszenierung ist hinsichtlich mangelnder Konzeption, fehlender Personenregie und vor allem aufgrund ihres konstanten Leerlaufs so ziemlich das Erschütterndste, was mir in meinem bisherigen Opernleben untergekommen ist. Ja, ja, ich weiß, was Sie sich jetzt vielleicht denken. “Das hat er doch auch schon bei xyz” gesagt bzw. geschrieben.  Ja, das will ich nicht einmal ausschließen, aber beim Verlassen, ach was rede ich, Flüchten aus dem von Peter Spuhler beherrschten Betonblock namens Staatstheater waren wir uns einig, dass die kollektive Ablehnung dieser Produktion in dieser Massierung selbst die grandios gescheiterte “Boheme” letzten Jahres übertrifft. Da war nämlich noch wenigstens ein Konzept erkennbar, ein diskutierbares, wenn auch bescheuertes. Hier herrscht hingegen gähnende Leere – metaphorisch wie wortwörtlich genommen.

Zugegeben, “Macbeth” ist kein leichtes Werk. Diese Hexen “richtig” (was immer das heißen mag) stimmig zu zeigen, ist weiß Gott kein Kinderspiel. Daran sind schon ganz andere gescheitert. Aber selbst die Charakterisierung dieses Power-Paars der Macht bliebt vollkommen oberflächlich. Wer sind denn dieser Macbeth und seine Frau ? Karrierebeschleuniger als Familienersatz oder Sado-Masochisten ? Stachelt sie ihn an oder sie sich gegenseitig ? All das bleibt nicht einmal im Ungefähren, es wird schlicht und ergreifend nicht gefragt. Passagenweise (Banda-Passage erster Akt) passiert wirklich gar nichts – man hätte auch zu einer konzertanten Lösung greifen können. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Holger Müller-Brandes mit diesem Werk so absolut gar nichts anfangen konnte. Oder warum lässt man sonst bei der zweiten Hexenszene das Ballett nicht einfach streichen, sondern Kinder (allen Ernstes !) Bockspringen veranstalten…. Hallo, bin ich hier im verf***ten Kinderturnen gelandet, oder was ?!  Wer “Macbeth” nicht kennt, wird verloren sein. Und wer ihn kennt, wird verzweifeln. Nun scheint Müller-Brandes irgendwann geahnt zu haben, dass das alles so gar nichts werden wird und ist auf die Idee gekommen, eine sich unentwegt kreisende, riesige Drehbühne (Karlsruher “Parsifal” – ick hör dir trapsen) zum Einsatz zu bringen und einen faszinierenden, länglichen, teilweise verspiegelten Quader auf selbiger zu platzieren (Bühne: Philipp Fürhofer). Das führt leider zu gar nichts, außer ein paar schönen Bildern, vor allem in Kombination mit der Lichtregie (Rico Gerstner), wo der genannte Quader allerdings mehr als einmal ungünstig die Sicht versperrt und die Sänger zum Verschieben des Quaders zwingt. Die zahlreichen Buhrufe, auch von meiner Seite – das will ich gar nicht verheimlichen – sie sind die verdiente Quittung für eine Mischung aus Ideenlosigkeit, Arbeitsverweigerung und Publikumsverarsche.

Diese Bühne lässt zudem so viel Raum, dass man es den Sängern unnötig schwer macht. Gelöst haben sie ihre Aufgaben jedoch auf solide bis gute Weise. Konstantin Gornys Banco zeichnet sich Rabenschwärze aus, Jesus Garcia erhält als Macduff für sein samtweiches, vielleicht etwas kitschig vorgetragenes “la paterna mano” den zweitgrößten Szenenapplaus. Jaco Venter in der Titelpartie zeichnet den Macbeth als reflektierenden, zweifelnden, schuldbewussten, im Piano fast zärtlichen Ehemann und Mörder. Im Forte gerät er wie stets etwas ins Bellen, aber stimmlich arbeitet er die Ambivalenz des Charakters hervorragend heraus. Und Barbara Dobrzanska in der vielleicht eigentlichen Hauptrolle ? So schwer es mir fällt, dies zu schreiben, eigentlich ist sie fehlbesetzt. Verdi wollte für diese Partie eine “häßliche Stimme” – nur hat Dobrzanska genau das nicht. Zwar hat ihr Sopran in den hohen Lagen ein paar rollendeckende Schärfen, die wirken aber eher ungewollt als intendiert. In der Mittellage klingt sie warm, weich, zart, wie eigentlich eine “Trovatore”-Leonore – ihr “La luce langue” klingt in meinen Ohren mehr wie “D’amor sull’ali rosee”. Wie sie beim Brindisi dann wiederum Fiorituren einbaut, das hat man so noch nicht gehört und nötigt daher höchsten Respekt für die individuelle Leistung ab. Erst bei der Nachtwandler-Szene tun sich ein paar, aber eben auch zu wenige Abgründe auf. Die Psychologie dieser Frau in einer männerdominierten Gesellschaft bleibt letztlich un(be)greifbar. Dies kann freilich auch viel mit der Verweigerung der Regie zu tun haben, Stellung zu beziehen. Und so wirkt auch der Chor merkwürdig unmotiviert – mehr als Dienst nach Vorschrift ist es in szenischer Hinsicht nicht, was die Damen und Herren da machen. Angesichts dieser Regie mehr lässlich als bedauerlich. Glücklicherweise gelingt es Johannes Willig und der beherzt aufspielenden Staatskapelle wenigstens dann und wann, dem Abend ein wenig Leben einzuhauchen.

Als die Japaner 1941 Pearl Harbor angriffen, sprach der amerikanische Präsident Roosevelt von einem “date which will live in infamy”. Ein solcher Tag der Schande ist dieser 23. Januar 2016 in künstlerischer Hinsicht allemal. Dieser “Macbeth” ist das Pearl Harbor des Badischen Staatstheaters.

Nachtrag (24.1.2016): Ein nachträglicher Blick ins Programmheft  (http://www.staatstheater.karlsruhe.de/media/programmheft/bast_pgh_macbeth_web.pdf) erklärt einiges, macht es aber somit eigentlich nur schlimmer – wie kann man so etwas bei vollem Bewusstsein niederschreiben, ohne vor Scham und Ignoranz im Boden zu versinken ? Beispiele aus der dortigen “Inhaltsangabe” gefällig ? Bitte schön:

Akt 1: ” Der König bleibt unsichtbar. Er ist Symbol einer Epoche und ihrer Werte.”

Akt 2: “Banco, Inbild potenter Männlichkeit, muss weg. “

Akt 3: ” Ihr Liebesduett mündet in einen verzweifelten Racheschrei. Die Kinder müssen weg.”

Akt 4: “Macbeth und die Lady sind mit ihrem Versuch einer Geschlechterbeziehung auf Augenhöhe gescheitert.”

Es scheint, als habe es tatsächlich ein Konzept gegeben. Nur waren wir wohl alle zu beschränkt, es zu begreifen. Der Kollege vom Staatstheater-Blog hat übrigens die adaptierte Inhaltsangabe in seine Rezension integriert, sieht die Sache aber relativ ähnlich:

http://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2016/01/verdi-macbeth-23012016.html#more

 

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