La Juive / Mannheim (10.1.2016)

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  • January 10, 2016

Vielleicht war ich ein wenig voreilig, als ich die Stuttgarter “Salome” zur Aufführung des Jahres kürte, denn diese “Jüdin” stellt eine ernsthafte Konkurrentin dar. Bereits letztes Jahr in Antwerpen und Gent aufgeführt, konnte man in Mannheim allerdings keinen lauwarmen Aufguss, wie ja oft bei Co-Produktionen zu erleben, sondern packendes MusikTHEATER [sic].

Vielleicht hat man sich ja bereits daran schon gewöhnt, dass Peter Konwitschny der vielleicht immer noch beste Opernregisseur der Gegenwart ist. Es würde den Rahmen der Opernschnipsel sprengen, zählte ich hier jetzt all die  vermeintlichen Kleinigkeiten, die Musikalität des Gezeigten auf, aber ein paar exemplarische Schilderungen werden dem Leser hoffentlich meine Begeisterung verdeutlichen:

  • Christen haben blaue Hände, Juden gelbe. Leopold wechselt je nach Situation die Handschuhe. Kategorien wie “Christen” und “Juden” sind somit vielleicht nicht irrelevant, aber es geht hier letzten Endes um Fanatismus. Daher passt es auch, dass zum Finale III. Akt der Chor und Solisten am Fließband stehen und Sprengstoffgürtel – im perfekten Rhythmus zur Musik übrigens ! – herstellen, wo man nun aber auch rote und grüne Hände  sieht.
  • Das Abendmahl zu Beginn des II. Aktes erinnert frappant an das berühmte Gemälde da Vincis.
  • Der Zuschauerraum wird immer wieder miteinbezogen. Ganz besonder gut gelingt dies, als Rachel sich im Auditorium Leopolds Treueschwüre anhört und diese höhnisch (auf Deutsch: “Jetzt singt er auch noch !”) kommentiert. Später (also in Akt IV) wird Eleazar seine Cabaletta an gleicher Stelle singen, während die Christen auf der Vorderbühne ihn ausbuhen. Éléazar stürmt darauf hin einfach aus dem Seitenausgang heraus – “das schau ich mir nicht länger an” würde er wohl sagen.

Sicher, das “Licht im Publikum” ist fast schon ein wenig abgegriffen, aber hier wirkt es auf mich deutlich weniger aufgesetzt als zum Beispiel bei Konwitschnys “Tristan”. Konwitschny geht meines bescheidenen Erachtens auch einmal ein wenig die Gäule durch, als er Eudoxie und Rachel in Akt IV wie kleine Kinder Ringelreihen tanzen lässt. Aber als Das flexibel nutzbare Einheitsbühnenbild (Johannes Leiacker) mit einer gigantischen Kirchenrosette und Gitterstäben ermöglicht dabei schnelle Wechsel. Das Orchester unter der Leitung des Quasi-GMDs Alois Seidlmeier begleitet einfühlsam und mit ungewohnt viel Geschmack. Dass es bei der Éléazar-Cabaletta (“Dieu m’éclaire”) ein wenig mit der Koordination hapert, dürfte eher der Positionierung des Sängers im Saal geschuldet sein. Den Mannheimer Chor habe ich noch nie so präsent, so engagiert erlebt wie hier.

Während man im Mannheimer Repertoire ja in vokaler Hinsicht häufiger mal enttäuscht wird, sind wie schon bei den “Bassariden” und “Tancredi” durch die Bank gute bis herausragende Sänger zu hören. Joachim Goltz gibt einen markanten Ruggiero, Sung Ha einen ebenso mächtigen Kardinal Brogni, auch wenn die Tiefe ein paar mal eher geknurrt als gesungen wird. Estelle Kruger macht aus der Eudoxie eine beschwipste Prinzessin, die durch Höhensicherheit und Agilità beeindruckt. Juhann Tralla managt die verdammt hoch liegende Partie des Unsympathen Léopold solide – ob er die gestrichene Arie mit den zwei d’s  bewältigt hätte, bleibt aber unbeantwortet. Astrid Kesslers Rachel macht atemlos. Stimmlich liegen keine Welten zwischen ihr und Kruger, aber mit welcher Emphase, mit welcher Tiefe sie diese junge Frau versieht, das lässt einen aus dem Schwärmen gar nicht mehr rauskommen. Und wie schlug sich Zurab Zurabishvili in der Shicoff-Rolle schlechthin ? Nun – grandios, anders kann ich’s nicht sagen. Die Stimme ist fast ein Tick zu groß für das Mannheimer Haus, aber er verfällt nie ins Brüllen. Bei seiner großen Arie (“Rachel, quand du seigneur”) kann er im Nullkommanix auf ein piano zurückgehen. Die Verbitterung, sein Trotz (zu Beginn des ersten Aktes hämmert er – fast wie Hans Sachs – aus purer Bosheit an den Gitterstäben des Bühnenbildes anstatt zu schmieden) ist jeden Augenblick greifbar. Wenn bei den meisten Sängern das Französisch etwas idiomatischer wäre, dann könnte man hier zweifelsohne von einer Aufführung für die Ewigkeit sprechen.

Also, liebes Nationaltheater – chapeau ! Das “Opernhaus des Jahres” ist diese Spielzeit jedenfalls bei den bisherigen Neuproduktionen mehr als verdient !

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